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Jena und Erlangen – ein Ost-West-Beispiel

Wo: Berichte - Wann: 3. Oktober 2007


Erlangen und Jena
„Da ist der Wurm drin“ könnte man bei Begutachtung der Presseartikel vor und zum 3. Oktober denken. Von aufreißenden Gräben ist die Rede, von wirtschaftlichen wie kulturellen Unterschieden. Hört bzw. ließt man dann zudem die Meinungen der Betroffenen – also den Bürgern –, liegt die Entzweiung von Ost und West wohl näher als die Einigkeit. Doch stellt sich die Frage, ob das der Wirklichkeit entspricht.

Presse und Medien neigen nicht selten dazu, sich ihre eigene Wirklichkeit zurecht zu schneiden. Möchte man also die tatsächlichen Verhältnisse in Deutschland ergründen, lohnt sich der Blick zur „Basis“.
Jena bietet hierfür entsprechende Bedingungen. Die kurz vor der Wende beschlossene Städtepartnerschaft mit Erlangen ist ein gutes Beispiel. Beide Städte liegen knapp über der 100.000-Einwohner-Grenze, weisen positive Entwicklungszahlen auf, sind Universitätsstädte und profitieren von einem hohen kulturellen Niveau.
Der große Unterschied ist freilich schnell ausgemacht: Während Erlangen vom marktwirtschaftlichen und demokratischen System der BRD Nutzen ziehen konnte, unterlag Jena den Einschränkungen einer fehlgeleiteten Planwirtschaft und unfreiheitlichen Strukturen. Gleichwohl verlief – sieht man vom Fußball ab – die Entwicklung beider Städte „nach oben“. Beide durchbrachen Mitte der 1970er Jahre die Schallmauer zur Großstadt. Jena ist für seine unverwechselbare Natur bekannt, Erlangen wurde Anfang der 1990er gar Bundeshauptstadt für Natur- und Umweltschutz. Hochtechnologie bestimmte den Jenaer Weg, Medizin wurde zum Markenzeichen der Erlanger.

Die Ziele der Städtepartnerschaft im Gründungsjahr 1987 hören sich für diese Zeit typisch an: Friedenssicherung, Abrüstung und Entspannung im innerdeutschen Verhältnis, sowie Aufbau eines gutnachbarlichen Verhältnisses. Jedenfalls die ersten drei Punkte sind erfüllt, wie auch Oberbürgermeister Albrecht Schröter im Vorfeld seines Besuchs Erlangens am 3. Oktober verkündete und sich dabei ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Sind diese Punkte doch ein Nebenprodukt der Wiedervereinigung, die nur 3 Jahre nach der Partnerschaftsvereinbarung den Lauf der Geschichte änderte.
Gute nachbarliche Verhältnisse können zumindest auf Offizieller Ebene ebenfalls ausgemacht werden. So reiste dieses Jahr zum Tag der Deutschen Einheit eine Delegation Jenas nach Erlangen. Dort stand (bzw. steht) ein buntes Programm von Kultur über politische Diskussionen bis hin zu einem Festakt am Abend im Tagesablauf. „Die Erlanger haben sich viel Mühe gegeben.“, betonte Albrecht Schröter. Im Gegenzug wird Jena eine Stele mit den 13 Partnerstädten Erlangens übergeben. Dieses Bild soll eines zeigen: Harmonie und Dankbarkeit bestimmen das Verhältnis beider Städte.

Wie aber sieht es bei aller Ähnlichkeit tatsächlich aus?
Mit einer Arbeitslosenquote von 6,3% im Dezember 2006 steht Erlangen doppelt so gut da, als Jena mit seinen 11% zum gleichen Zeitpunkt (aktuell 10,4%). Das Bruttoinlandsprodukt weist mit 6,3 Milliarden zu 2,8 Milliarden ein ähnliches Verhältnis auf. Das hat natürlich auch Einfluß auf die Löhne. Dem durchschnittlichen Arbeitnehmer in Erlangen werden jährlich 35.000 Euro an Bruttolohn gezahlt. In Jena stehen im gleichen Zusammenhang jedoch nur 23.000 Euro zu Buche. Selbst die Stadtkassen zeigen das West-Ost-Gefälle auf. Während in Erlangen 78 Millionen Euro an Gewerbesteuer fließen, muß Jena mit 30 Millionen auskommen.
Anhand dieser Zahlen läßt sich ausmachen, daß der Osten dem Westen nach wie vor hinterher hinkt. Natürlich gibt es hier wie dort Regionen, in denen die wirtschaftliche Zukunft wenig rosig aussieht. Vergleicht man Jena etwa mit einem Ort z.B. im Ruhrpott, dem die wirtschaftliche Entwicklung wenig gut bekommen ist, entsteht natürlich schnell der Eindruck, der Osten blute den Westen aus. Doch vergleicht man auf gleichem Niveau – nämlich die Boomregion Erlangen mit der Boomregion Jena –, werden plötzlich jene Unterschiede deutlich, die in letzter Zeit von Medien und Presse gerne wegberichtet werden.

Gleichwohl ist dies kein Grund, der einen oder anderen Seite den Schwarzen Peter zuzuschieben. Jenas Oberbürgermeister brachte es auf den Punkt: „Wir haben Erlangen viel zu verdanken.“. Seien es finanzielle und materielle Leistungen, informelle Unterstützung oder einfach „nur“ zur-Seite-stehen: Wie im Kleinen (Städtepartnerschaft) so auch im Großen sind die Regionen enger zusammen gewachsen.
Ob dies auch auf die Bürger zutrifft, läßt sich nur schwer sagen. Zwar reisen regelmäßig Vereine, Kulturprojekte oder Politiker hin und her. Doch auf die Meinung des einzelnen unter zusammen 200.000 Bürgern hat das nur wenig Einfluß. Insofern besteht auch 17 Jahre nach der Deutschen Einheit bei so manchem eine Mauer in den Köpfen. Angesichts der Fortschritte und Unterstützung ist diese wohl kaum gerechtfertigt – doch da ist sie und sollte ernst genommen werden.

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