Außenbeziehungen vom 10. April 2008
Die slowenische EU-Ratspräsidentschaft wirft ihren Schatten auch auf Jena. In einem groß angelegten Kulturprojekt während der zweiten Aprilhälfte soll nicht nur das Land an der Adria bekannter gemacht werden, sondern auch ein Hauch europäischer Einigkeit durch die Straßen Jenas wehen. Politik, Philharmonie und Kunstverein stehen Pate, während Jena neben Berlin zu einem Mittelpunkt des kulturellen Europas wird. Am Freitag startet das Projekt mit dem Besuch der Botschafterin Sloweniens für Deutschland.

Eintragung in das Gästebuch der Stadt Jena Es ist Mittwoch Mittag in Jena. Um den sonst ausreichend großen Konferenztisch im Büro des Oberbürgermeisters tummeln sich Pressevertreter, Vertreter des Kunstvereins und die eigentlichen Protagonisten der Stunde. Die Freude über seine Gäste ist Albrecht Schröter anzumerken; über sein ganzes Gesicht zieht sich ein glückliches Lachen. Mit leuchtenden Augen blickt er in die Runde und eröffnet ein Pressegespräch, das es in dieser Art wohl nur alle Jahre einmal gibt. Denn neben ihm sitzen Bruno Scharnberg, Intendant der Jenaer Philharmonie, und Monika Kartin, Kulturattachée der Botschaft der Republik Slowenien. Ersterer begründet freilich nicht die Besonderheit der Runde, wenngleich er durchaus seinen Anteil daran haben dürfte.
Im Mittelpunkt steht vielmehr Slowenien, genauer die es vertretende Botschafterin Dragoljuba Benčina. Ihre für Freitag eingeplante Ankunft in Jena ist es, die jene würzige Luft der Außenpolitik aufkommen läßt. Ein Erlebnis, das Bürgermeistern zumeist vorenthalten bleibt – wenngleich der Jenaer OB mit seinem Besuch in China bereits diplomatische Arbeit höheren Niveaus leisten durfte. Mit den Worten „Ich freue mich, Slowenien in Jena willkommen zu heißen.“ überläßt Albrecht Schröter die Bühne dem osteuropäischen Staat und der Kultur.
Grund für den „hohen“ Besuch ist die kulturelle und touristische Präsentation Sloweniens im Rahmen seiner EU-Ratspräsidentschaft. „Mein Land ist noch immer eher unbekannt in Deutschland.“ begründet Monika Kartin das Engagement ihrer Botschaft. Tatsächlich geht das beschauliche Land an der Adria, flankiert von Staaten wie Italien, Österreich oder Kroatien, ein wenig unter. Zusätzlich neigen so manche Deutsche dazu, es mit der Slowakei zu verwechseln, was den Slowenen sicherlich am meisten auf der Seele liegt.
Deshalb hebt Kartin auch umgehend die Unterschiede in dieser Beziehung und Gemeinsamkeiten zum Jenaer Umlad hervor: „Slowenien ist ein kleines, aber unglaublich schönes Land – ein wenig ähnelt es mit seinen Wäldern, Hügeln und Naturbelassenheit Thüringen.“. Der einzige Unterschied, den sie zwar nicht nennt, auf den aber insbesondere die touristische Präsentation abzielt, ist das Meer. „Thüringen am Mittelmeer“ könnte so auch ein Werbespruch lauten, der deutsche Urlauber aus den überlaufenen Adria-Orten Italiens oder Kroatiens locken soll.
Tourismus allein wäre einer EU-Ratspräsidentschaft freilich nicht würdig genug, um ihn ins Zentrum verschiedener Projekte zu stellen. Im sprachlich und politisch so sehr getrennten Europa soll vielmehr die gemeinsame Kultur zusammenfügen, was nach Ansicht vieler Europäer zusammen gehört. Deshalb finden die umfangreichsten Aktionen auch in Berlin statt, wo man das staatliche Zentrum Deutschlands verortet. Jena paßt da auf den ersten Blick eigentlich nicht ins Konzept.
Doch hinter den Kulissen haben sich über die Jahre mannigfaltige Fäden wie von selbst zwischen der Saalestadt mit gerade einmal 100.000 Einwohnern und dem übrigen Europa gesponnen. Ganz vorne dabei ist auch die Jenaer Philharmonie, die besonders über das von ihr mitbegründete und angeführte Orchesternetzwerk „ONE“ – „An Orchestra Network for Europe“ eine wichtige Rolle bei der europäischen Integration spielt. Über die Musik soll den Europäern so manches klanglich unbekannte Land näher gebracht werden. „Kennen Sie einen Komponisten aus Zypern, Malta oder eben Slowenien?“ erklärt Bruno Scharnberg rhetorisch seine Beweggründe. „Diese Länder sind nach wie vor musikalische weiße Flecken.“. So geraten die bis Anfang Mai geplanten Konzerte und Ausstellungen auch zu einem Feuerwerk slowenischer Kultur, gemischt mit deutschen Kontrastsprenkeln. Gemeinsame Auftritte der Jenaer Philharmonie und Musikern des SLOVENIA SYMPHONY ORCHESTRA bilden den Rahmen mit insgesamt vier Auftritten vom 10. bis 14. April.
Fortgesetzt wird dieses Programm „europäischen Zusammenwachsens“ von einer Ausstellung des slowenischen Künstlers Lojze Spacal im Optischen Museum ab 14. April. Daß diese überhaupt so schnell realisiert werden konnte, verdankt Jena dem uneigennützigen Zusammenspiel verschiedenster Akteure. So organisierte der Jenaer Kunstverein ohne Umschweife die Räumlichkeiten, indem eine noch laufende Ausstellung kurzerhand abgekürzt wurde. Welchen Stellenwert dieser unkomplizierten Unterstützung zu kommt, ist am aus Zeitgründen fehlenden Rühren der Werbetrommel zu ersehen. Im Vordergrund standen nicht Besucherzahlen und Kosten – die sich dank breiter „ehrenamtlicher“ Hilfe in grenzen halten -, sondern die Vision Europa. „Wir hoffen, daß über die Mund-zu-Mund-Propaganda viele Leute in die Ausstellung und Konzerte kommen.“ gab Vorstandsvorsitzender Wolfram Stock seine ganz eigene und aus der Not heraus geborene Marketingstrategie bekannt.
Inwieweit die Ziele des „nach Berlin größten Kulturprojektes“ der slowenischen Ratspräsidentschaft erreicht werden, hängt nun freilich von den Jenaern ab. Dabei geht es nicht vorrangig um das Kennen eines neuen Urlaubslandes. Erfolg werden die Protagonisten verkünden können, wenn Slowenien ein wenig mehr in das Bewußtsein gerückt und von seinen großen Nachbarn sowie Verwechslungen mit anderen Osteuropäern entrückt werden kann. Das Auftreten der slowenischen Vertreter und Jenaer Organisatoren dürfte dem jedenfalls nicht im Wege stehen – zu sehr beherrschten Lachen und freudiger Aktionismus das Vorspiel zum freitäglichen Auftakt.
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