Wo: Initiativen - Wann: 7. September 2007
Große Ereignisse werfen ihren Schatten weit voraus, lautet ein bekanntes Sprichwort. Am Tag vor dem berüchtigten Fest der Völker kann man dies am eigenen Leib spüren.
Nicht nur, daß bereits Wochen vorher der Aufmarsch deutscher und europäischer Rechtsextremer Politikstoff Nr. 1 war. Auch der „normale“ Bürger erfuhr die ersten Auswirkungen am eigenen Leib. So war bereits am Mittwoch dieser Woche, also schon 3 Tage vor dem eigentlichen Fest, die Hauptverkehrsstraße Jenas in der Nähe des Austragungsortes (Stadtrodaer Straße / Seidelparkplatz) auf 30 km/h herunter geregelt. Durchschnittlich 50 Demonstranten hielten Tag wie Nacht Mahnwache, um ein „Zeichen gegen Nazifeste“ zu setzen. Am Ende begrüßte ein ca. 200m langes Transparent die ins Zentrum Fahrenden

Sitzblockade auf dem Seidelplatz Doch wer geglaubt hatte, bei Geschwindigkeitsbeschränkungen würde es bleiben, sah sich spätestens Freitag Abend getäuscht. Schon gegen den Aufbau der Absperrzäune des Fests der Völker protestierten zwischen 500 und 1000 Nazigegner. Ursprünglich war der Gegeninitiative lediglich ein schmaler Streifen zwischen Parkplatz und Straße zugewiesen worden. Doch anrückende Skinheads und offensichtliche NPD-Anhänger ließen das Blut so manchen Gegendemonstrantens kochen – eine Sitzblockade in mitten der von der NPD beantragten Zone behinderte die Aufbauarbeiten der Rechtsextremen. Umgeben von einer Mauer aus Polizeifahrzeugen harrten etwa 40 hauptsächlich Jugendliche der Dinge. Kampfrufe und Beifall jenseits der Ordnungshüter schallten über den Platz, erste Schmähungen gegen die auf Deeskalation setzenden Polizisten wurden laut. Immer wieder kamen kritische Stimmen zu Wort: „Warum hilft die Polizei den Nazis?“, „Was machen die mit uns?“.

Der Platz ist geräumtNicht die Polizisten sind eure Feinde!
Den undankbarsten Job haben in diesem Geschehen Polizeikräfte und Stadtverwaltung. Von Rechts wegen sind sie dazu verpflichtet, das auch den Neonazis zustehende Grundrecht auf Versammlungsfreiheit durchzusetzen. Gleichzeitig hegen sie jedoch Sympathien mit dem Anliegen der Gegendemonstranten, wie einige von ihnen offen zugaben. Wenn zu diesem Gefühl, in einer Zwickmühle zu sitzen, Beleidigungen aus dem Block der eigentlich Unterstützten den Beamten entgegen schlagen, kommt schnell Frust auf. Was das zur Folge hat, konnte man in der Vergangenheit sehen und auch dieses mal erleben: Bei der Auflösung der Sitzblockade kam es zu vereinzelten Handgreiflichkeiten und rüdem Körpereinsatz. Beim Anblick der teilweise zur Gewalt ausartenden Szenen war man schnell versucht, den Demonstranten entgegen zu rufen: „Die Nazis sind eure Feinde, nicht die Polizei!“.
Es hätte wohl nichts genützt. Nicht etwa, weil man auf Unvernunft oder mangelnde Einsicht gestoßen wäre. Vielmehr verhinderten Wut und zornige Trauer ein besonneneres Verhalten. Wie konnte es sein, daß Menschen, die offen für die Abschaffung von Demokratie und Freiheit skandierten, von jenen geschützt wurden, die doch eben jene Rechte verteidigen sollten? Verständlich ist da das emotionale Verhalten vieler, so manchem liefen Tränen in die Augen. Ältere, die einst Diktatur und Unterdrückung erfahren hatten, verließen mit verständnislosem Blick die Reihen der Blockierer. „Ich gehe nicht, weil ich Angst habe, nicht, weil ich flüchten will. Ich gehe, weil ich mir dies nicht antun werde…“ rief eine die Fahrzeugmauer entgegen laufende Frau mit bebender Stimme. Den hinter ihr stehenden Polizisten stand die Betroffenheit ins Gesicht geschrieben. Fast verzweifelt wirkten ihre Blicke.
„Die Gegner dürfen bleiben.“
Nach Auflösung der Sitzblockade wurden auch jene Demonstranten Richtung Straße abgedrängt, die hinter den Polizeifahrzeugen standen. Die NPD hatte den gesamten Parkplatz zugesprochen bekommen – also mußte er geräumt werden, um den Metallzäunen Platz zu machen. Nach anfänglichem Widerstand ergaben sich die Nazigegner in diesen Umstand. Unterstützt wurde dies sicherlich auch durch die Zusage der Polizei, Straße und Grünstreifen direkt am von Rechtsextremen zügig aufgebauten Zaun für Proteste zur Verfügung zu stellen.

Der Humor ist zurück Diese hatten zunächst noch zynisch den Takt der „Nazis Raus“ –Rufe durch wippende Körperbewegungen übernommen. Als dann jedoch der erste Schock bei den Gegendemonstranten überwunden war und Humor einzog, wendete sich schnell das Blatt. Lange NPD-Gesichter jenseits des Zaunes und so mancher grinsende Polizist waren zu sehen, als neue Sprüche aufkamen: „Eigentlich sind mir die Nazis eingesperrt viel lieber“ (innerhalb des umzäunten Platzes, Anm. d. Red.), darauf folgend „Sagen wir nicht ‚ Nazis raus’. Besser ‚Nazis rein’” oder „Sie sehen hier seltene Exemplare der Gattung Nazi. Eigentlich schon vor 60 Jahren ausgestorben, haben einige von ihnen doch überlebt.“.

Demonstranten am Zaun All dies dürfte ein Vorgeschmack auf das eigentliche Fest der Völker sein. Wenn sich einige Rechtsextreme einer Übermacht von Gegnern gegenüber sehen werden. Bleibt zu Hoffen, daß es friedlich bleibt. Denn letztendlich sollte es nicht darum gehen, Rechtsextreme mit Gewalt von ihrer Anschauung abzubringen (was nicht funktionieren dürfte), sondern sich selbst, Deutschland und der Welt zu zeigen, daß dieses Land nicht mehr den Kopf in den Sand steckt, wenn Demokratiegegner aufmarschieren.

ein simples Aufrechterhalten des Verbotes der Stadt Jena hätte genügt, um diesem Treiben abzuhelfen. Immer wieder hebt das Gericht in Gera diese Verbote auf – sollen doch die Nazis dahingehen… steht Gera vielleicht auch mal im Mittelpunkt
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