Wo: Außenbeziehungen - Wann: 23. Oktober 2007

Chinesische Visitenkarte des Oberbürgermeisters Der Titel ist keineswegs ironisch gemeint. Denn mit China tut sich nicht erst seit gestern ein gewaltiger Markt auf, den es für eine Wissenschafts- und Kulturstadt wie Jena zu nutzen gilt. Dabei liegen im Fokus der Mission des Oberbürgermeisters nicht nur die allgemein bekannten Ziele deutscher Politiker.
Gemeinsam mit elf Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft tritt Dr. Albrecht Schröter seine Reise in das aufstrebende Reich der Mitte an. Ihr Hauptaugenmerk dürfte dabei wohl der altbekannten Aufgabe, Absatzmärkte zu erschließen, gelten. Dem weist auch Schröter eine gewisse Wichtigkeit zu. „China ist auch für Jena ein wichtiger Markt“ betonte der SPD-Politiker und spielte damit auf jenaer Unternehmen an, die im Fernen Osten bereits Fuß gefaßt haben. So verwundert es kaum, daß auf dem Programm der Besuch eines Jenoptik-Werkes steht. Dort übergibt er auch ein historisches Mikroskop als Gastgeschenk.
Neben Stationen in Peking oder Hongkong steht die Region Panyu (ehemals Kanton) im Mittelpunkt der Reise. Deren „Bürgermeister“ hatte bereits im vergangenen Jahr Jena besucht und wertvolle Eindrücke von der Saale in seine Millionenstadt mitgenommen. So zeigte er sich vom Jenaer Modell des Beutenberg-Campus´ derart überzeugt, daß in seiner chinesischen Heimat nun ähnliche Projekte geplant sind.
Überhaupt zeigen sich die Chinesen von der deutschen Kultur und Sprache überaus begeistert. So ist etwa ein klarer Trend hin zu Sprachreisen zu erkennen. Weimar profitiert bereits von einer den Chinesen geschenkten Kopie des Goethe-Schiller-Denkmals. Die beschenkten geben sich jedoch mit der Reproduktion nicht zufrieden, sondern kommen in die Heimat der beiden Dichter, um das Original und das Land, aus dem es stammt, zu sehen.
Einen solchen Effekt erhofft sich auch Albrecht Schröter. „Würden wir es schaffen, mit einer aufstrebenden Region wie Panyu in partnerschaftliche Beziehungen zu treten, wäre das hervorragend für Jena.“ zeigte sich der Oberbürgermeister begeistert.
Von welchen Dimensionen hier die Rede ist, zeigen die Zahlen: 1 Million Einwohner im Großraum Panyu. Angeregt vom Vorbild Jena soll eine Universitätsstadt für 300.000 Studenten errichtet werden. Damit dieses und andere geplante Projekte verwirklicht werden können, stehen bereits 10 Milliarden Euro an Investitionsmitteln zur Verfügung. Ohne Frage: Dort entsteht eine Megametropole, wie man sie aus China mittlerweile nicht mehr anderes gewohnt ist.
Die Ziele sind klar gesteckt: Neben den direkten wirtschaftlichen Hoffnungen stehen besonders Tourismus und chinesische Studenten im Vordergrund. Hier glauben die Jenaer gerade als Stadt der Wissenschaft punkten zu können. Bedenkt man daneben auch die historische wie kulturelle Qualität Jenas – Napoleon steht in China hoch im Kurs –, dürfte es dem Oberbürgermeister gleich weniger schwer fallen, für seine Stadt zu werben.
Trotz aller Hoffnungen und rosigen Aussichten stehen jedoch auch kritische Punkte zur Debatte. So wird die Delegation bei einem Besuch des chinesischen Wissenschaftsministeriums nebst stellvertretenden Ministers das Thema Marken- und Patentschutz nicht ausnehmen. Man wolle dieses heikle Thema offen ansprechen, so der Organisator der Reise, Daniel Bohnsack. Auch bei einem Besuch des Umweltministeriums sollten Umweltschutzaspekte nicht verschwiegen werden. Inwiefern diese Punkte eine Belastung der Beziehungen darstellen, ist nur schwer vorher zu sagen. Erfahrungen auf Bundesebene zeigen jedoch, daß in China nicht jede Kritik all zu heiß aufgenommen wird.
Angesichts der Chancen in China bringt Albrecht Schröter die Lage auf einen Punkt: „Jena wäre töricht, wenn es die sich bietenden Möglichkeiten nicht wahrnehmen würde.“. Er hoffe darauf, „engere, vielleicht sogar partnerschaftliche, Beziehungen aufzubauen“. Ob dies gelingt, wird sich zeigen. Jena und sein Umfeld bringen jedenfalls die dazu nötigen Eigenschaften mit. Vielleicht würde es die Chinesen sogar positiv überraschen, wenn deutsche Gesandte sich einmal nicht nur auf Wirtschaftsabschlüsse konzentrieren, sondern aktiv für ihre Heimat werben.
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