Wo: Außenbeziehungen - Wann: 21. Mai 2008
Nachdem sich auch westeuropäische Staaten um den Sitz des neuen European Institute of Innovation and Technology beworben haben, schickt Deutschland Jena als Vorschlag in die Brüssler Entscheidungsfindung. Damit könnte die Saalestadt künftig Standort einer Behörde der EU sein. Doch die Konkurrenz ist stark und stellt Jena zumindest in Sachen Größe und Bekanntheit weit in den Schatten. Interessante Wochen stehen also bevor.
Das EIT hat bereits in den zurück liegenden Monaten so manche Spekulation und nicht selten auch Träumerei beflügelt. Vom europäischen Pendant zum Massachusetts Institute of Technology (MIT) war die Rede, von einer wissenschaftlichen Aufholjagd des alten Kontinents. Diskussionen und Beiträge in seriösen Medien wie Deutschlandradio oder Tagesspiegel stellten stets die herausragende Bedeutung einer solchen Institution voran.
Die Ähnlichkeiten des EIT mit seinem US-amerikanischen Vorbild halten sich jedoch in Grenzen. Tatsächlich wird es genau das werden, wozu die Europäische Union am ehesten befähigt ist: Eine Verwaltungseinrichtung. Welche Bedeutung dieser innerhalb der EU-Bürgerschaft zukommt, zeigen die nicht vorhandenen Einträge in Wikipedia (Stand 21.05.08). So gibt es einen entsprechenden Artikel in der deutschen Sektion erst gar nicht. Grund genug für die Pressestelle der Stadtverwaltung Jena, eine entsprechende Info-Mail an die bei ihren Recherchen wohl überforderte Presse heraus zu schicken:
Das European Institute of Innovation and Technology ist eine neue Initiative der EU, die zum Aushängeschild der europäischen Innovation werden soll. Ziel des EIT wird es sein, die Innovationskapazität der Mitgliedstaaten zu steigern und damit einen Beitrag zu nachhaltigem Wirtschaftswachstum in Europa zu leisten. Dazu sollen Bereiche des “Wissensdreiecks” (Bildung, Forschung und Innovation) auf höchstem Niveau in den sog. “Knowledge and Innovation Communities” (KICs) integriert werden. Bislang waren die exzellenten Köpfe sowohl in der Bildung als auch in der Forschung oftmals isoliert von der Wirtschaft; im EIT können die Akteure des Wissensdreiecks zukünftig zusammengeführt und damit große Lücken in der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft geschlossen werden. Dadurch wird es möglich sein, Ergebnisse aus Wissenschaft und Forschung direkt in kommerzielle Innovationsideen zu überführen. Der Weg von der Idee zum marktfähigen Produkt wird damit erheblich verkürzt. Die Aktivitäten des EIT werden durch einen Verwaltungsrat koordiniert werden, der auch das strategische Management des Instituts sichern wird. …
Wie geschrieben: Eine Verwaltungsbehörde.

Trotz der im globalen Sinne Unzulänglichkeiten des EIT wäre deren Sitz in Jena für die Stadt natürlich ein gewaltiger Gewinn. Bevor es jedoch soweit ist, steht den Mitarbeitern der Deutschen Vertretung in Brüssel und Abgesandten von Land und Stadt einiges an Arbeit bevor. Gegen Mitbewerber wie Barcelona, Wien, Breslau oder Budapest dürfte die kleine Saalestadt einen schweren Stand haben. Entsprechend gering beziffert die Bundesebene Jenas Chancen auf einen Zuschlag. Von nur 10% Wahrscheinlichkeit gehen die Deutschen aus. Allein Oberbürgermeister Albrecht Schröter blickt etwas optimistischer in die Zukunft: „Lediglich Budapest dürfte ein wirklich schwieriger Konkurrent werden.“. Seine Zuversicht baut er auf die „Brückenfunktion Jenas zwischen Ost und West“. Zudem sei der Ruf der Saalestadt mittlerweile auch auf europäischer Ebene ein äußerst guter.
Die Präsentation am 22. Mai wird neben Filmmaterial und PowerPoint-Einlagen auch kurze Ansprachen der Thüringer Delegation enthalten. Bewußt möchte Schröter dabei auf die geringe Größe seiner Stadt und die kurzen Wege innerhalb Mitteldeutschlands hinweisen. „In 50 Minuten ist man zum Beispiel am Flughafen Leipzig – das geht in Wien auch nicht schneller.“.
Doch selbst wenn am 30. Mai im Rat der Europäischen Union (Forschungsminister) oder bei fehlendem Einigungsvermögen der Fachminister am 10. Juni im Europäischen Rat (Staats- und Regierungschefs) kein für Jena positives Ergebnis herauskommen sollte, stünde es nach Schröters Meinung dennoch auf der Gewinnerseite: „Allein durch die Präsentation Jenas in Brüssel haben wir einen Fuß auf europäischer Ebene. Ich hoffe, die Jenaer Bürger fiebern genauso mit, wie ich.“.
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