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Jenas Handwerker stehen zunehmend im Abseits

Wo: Entwicklung - Wann: 6. Dezember 2007

Obwohl das Handwerk mit Abstand der größte Arbeitgeber und Ausbilder ist, genießt es in Jena nur wenig Aufmerksamkeit. Geblendet von Hochtechnologie-Unternehmen und Wissenschaft fällt es schwer, den Blick von Namen wie Carl Zeiss, Intershop oder Friedrich-Schiller-Universität zu nehmen und auf anderes zu lenken. Damit bleibt jedoch so manches Problemfeld unerkannt.


Risse im Jenaer Gefüge
Als Handwerker hat man es nicht leicht, in einer Stadt wie Jena. Umgeben von Hochtechnologie, Forschung und globalen Dienstleistern verschwimmen althergebrachte soziale Strukturen. Ist dem Tischler- oder KFZmeister in den meisten Kleinstädten und vielen „Großstädten“ ein gewisser Ruf sicher, verhält sich dies in der Saalestadt ein wenig anders. Hier stehen Ingeneure, Akademiker und Manager überregionaler Unternehmen im Mittelpunkt. Ihnen fällt die Aufmerksamkeit von Bürgern und Stadt sprichwörtlich in den Schoß.

Um dies deutlich zu machen, genügt ein Blick auf das Wirken von Jenas Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter. Auch er unterliegt der Anziehungskraft großer Namen. Was nicht zu verdenken ist.
Sind doch nur Unternehmen wie Carl Zeiss Jena in der Lage, mal eben 100.000 Euro für ein Sponsoring der Stadt der Wissenschaft 2008 locker zu machen (mehr… ). Dem OB wird natürlich ein Besuch des Wohltäters zur Pflicht – ihm folgt zugleich die regionale wie überregionale Presse. Prompt gerät Carl Zeiss, auch ohne diese Publicity kein unbekannter globaler Akteur, in das Blickfeld der Öffentlichkeit.
Geht es nicht um Geld, lockt zuweilen auch die Bedeutung mancher Unternehmen zu stärkerem Engagement der Politik. Ein gutes Beispiel ist der Besuch des OB bei Cross Match Technologies vor knapp zwei Wochen (mehr… ). Der Hersteller biometrischer Systeme ist Weltmarktführer bei einer Vielzahl von Verfahren. Seine Produkte kommen überall auf der Welt zum Einsatz. Albrecht Schröter quittierte dies just mit einem verbalen Adelsschlag. „Sie sind Marktführer und damit für uns von besonderer Wichtigkeit.“ gab er Cross-Match-Geschäftführer Gerhart Ernst zu verstehen. Auch wenn der SPD-Politiker damit sicher nicht ausdrücken wollte, andere, kleinere Unternehmen seien unwichtig, offenbart dieser Satz das eigentliche Dilemma.
Dr. Albrecht Schröter begutachtet Jenaer Hochtechnologie

Nun liegt natürlich der Schluß nahe, daß dieser Zustand doch eigentlich kein wirkliches Problem sei. Handwerk und andere Dienstleister stehen eben nicht vorne an. Na und?
Doch dies wäre zu kurz gedacht. Entstehen wegen dieses Blickwinkels doch handfeste Nachteile für die Betroffenen. Aufträge, die ihrem Wesen nach auch von kleineren Betrieben bewirtschaftet werden könnten, gehen mangels entsprechenden Horizonts in der Stadtverwaltung fast ausschließlich an Großunternehmen. Während dem Handwerk auf diese Weise ein stabiles Wirtschaften unmöglich gemacht wird, horten die Auftragnehmer Baustelle um Baustelle und halten am Ende ihre Fristen nicht ein.
Grund dafür ist neben der nicht zu bewältigenden Auftrags-Masse vor allem die Ortsfremdheit. In den Führungsetagen der großen Baukonzerne gibt es keinen Wissen über lokale Besonderheiten. Also ist es auch egal, wann Straßen wieder befahr- und -gehbar sind.

Leidtragende sind sowohl Handwerker als auch Bürger. Vor diesem Hintergrund erscheinen die neuerlichen Forderungen der Kreishandwerkerschaft als im Sinne aller. Politik, Wirtschaft und Bürgern sollte daran gelegen sein, auch die Entwicklung kleinerer Unternehmen zu fördern. „Neben Hightech muß auch das Handwerk zum Markenzeichen Jenas werden.“ umriß unlängst Kreishandwerksmeister Rolf Fischer seine Vision.
Ihm liegen dabei nicht vordergründig wirtschaftliche Vorteile am Herzen. Als weitaus problematischer sieht er den wachsenden Fachkräftemangel an. Die meisten Jenaer Jugendlichen gingen in besagte Großunternehmen. Zuzug geschähe hauptsächlich bei den Berufsgruppen der Optik und ähnlichen. Berufsabschlüsse als Tischler oder KFZ-Mechatroniker sind in Jena dagegen ungenügend gefragt. „Die wirklich guten gehen zudem an Ingenieursschulen und werden dann von der Industrie weggeschnappt.“ erklärte Rolf Fischer sein Hauptproblem. Am Ende bleibt nichts anderes übrig, als mit enormem Zeit- und Kostenaufwand stetig auszubilden. Man könnte auch sagen: Die Kleinen bezahlen den Großen die Fachkräfte.

Politik und andere Entscheider täten gut daran, ihren Blick nicht nur auf Carl Zeiss, Jenoptik und Co. zu richten. In vielem liegt die wahre Leistungskraft Jenas nicht bei den Großunternehmen, sondern bei kleinen Dienstleistern. Etwas pathetisch formuliert halten Handwerker die Stadt zusammen.
Vorschläge gibt es derweil genug. Hauptpunkt ist dabei eine offenere Vergabe von Aufträgen. Diese sollten „von der Stadt an heimische Betriebe gehen; auch wenn sie etwas teurer sind.“, so Bernd Mächler, Stellvertretender Kreishandwerksmeister. Doch auch Marketingmaßnahmen nach außen können besonders das Fachkräfteproblem abschwächen oder gar lösen. Um all diese Maßnahmen effizient durchzuführen, schlägt das Handwerk zudem zentrale Ansprechpartner bei den Behörden vor. Über diese könnte der organisatorische Aufwand verringert werden. Zwar stehen Ausschreibungen stets in den Amtsblättern, wie Uwe Feige, Werkleiter des Eigenbetriebs Kommunalservice Jena kritisch anmerkt. Doch sind Handwerker oftmals eben keine Unternehmer mit eigener Auftragsabteilung. Da gehen Überblick und Informationen schnell verloren.

Der Ball liegt nun bei der Stadt. Bleibt abzuwarten, ob sie diesen vernünftig zu spielen vermag.

Weblinks:
Auf der Homepage der Kreishandwerkerschaft stehen weitere Informationen zur Verfügung. Zum Besuch des OB bei Cross match Technologies gibt es ein JenaTV-Video .

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