Literatur vom 7. Dezember 2007
Noch heute üben Plätze, an denen frühe Gemeinschaften ihre Kulte praktizierten, eine besondere Faszination aus. Im Gegensatz zu stolzen Städten, Schlössern und Kathedralen scheinen die Kultplätze der vorchristlichen Zeit völlig verborgen. Tatsächlich findet man aber in unserem heutigen Landschaftsbild nicht nur Relikte der über Jahrtausende hinweg entwickelten Siedlungs- und Verkehrsstruktur, sondern auch Spuren der kultischen Betätigung früherer religiöser Gesellschaften.

Buch: Heidnische Heiligtümer In einem vor wenigen Tagen erschienenen Buch entführt Michael Köhler seine Leser in vergangene Zeiten. Dabei liegt ihm besonders am Herzen, nicht nur über unsere Vorfahren zu informieren, sondern auch ein wenig Wertschätzung für die teils Jahrtausende alte Kultur zu wecken. Das Buch lädt ein, die bekannten sagenumwobenen Kultplätze zu besuchen, aber auch viele weniger bekannte Stätten zu entdecken.
Im Mittelpunkt stehen dabei Thüringer Kultplätze. Zu den bekanntesten Stätten gehören der Kyffhäuser und das Opfermoor von Oberdorla. Daneben gibt es aber zahlreiche weitere Kultstätten und Kultverdachtsplätze, darunter Menhire und Bergheiligtümer, Heilige Quellen und Höhlen. Tradition und Geschichte ihrer einstigen Erbauer haben reiche Spuren in der Landschaft hinterlassen.
Wie wichtig die Kenntnis über die vorchristliche Vergangenheit ist, erschließt sich heute lebenden meistens nur wenig. Allenfalls bis zur Gründung des Deutschen Reiches 1871 läßt man seinen Blick zurück schweifen. Im Vordergrund und alles überdeckend steht die dunkle Zeit des Dritten Reichs. Neben der Verteuflungstaktik christlicher Kirchen waren es vor allem die Nationalsozialisten, die das Thema Heidentum und Germanen bis in die heutige Zeit hinein zum verschmähten Objekt verblendeter Chaoten machten. Ihre Geschichtsverdrehungen und Mißbrauch uralter Traditionen für rassistische wie kriegsverherrlichenden Ziele ist Ausgangspunkt der deutschen Verklemmung bezüglich der eigenen (Vor-) Geschichte.
Dabei begegnen uns die Spuren unserer Vorfahren nicht nur in der Natur als Kultplätze und Bauwerke. Auch in der Kultur selbst sind sie zahlreich vertreten. Mittlerweile recht verbreitet dürfte zum Beispiel die Erkenntnis sein, daß viele Bräuche zum Oster- und Weihnachtsfest heidnischen Ursprungs sind. Die christlichen Missionare des ausgehenden Altertums hatten es blendend verstanden, althergebrachtes in den neuen Glauben einfließen zu lassen.
‚Wer über die Vergangenheit seines Kulturkreises bescheid weiß, kennt auch den Weg, den die ihn umgebende Gemeinschaft gehen wird’ lautet eine gebräuchliche Weisheit. Daran ist viel wahres. Hätten die Deutschen der 1930er Jahre unverblendet von jenem Gefolgschaftsdenken ihrer germanischen Vorfahren gewußt, das deren Kultur letztendlich von einem relativ demokratischen Gemeinwesen in ein unterdrückendes Feudalsystem führte, hätte ein „Volksführer“ Hitler eventuell kein so leichtes Spiel gehabt.
Vielleicht sind solche geschichtlichen Zusammenhänge zu Weit gefaßt, als daß sie den Sinn des im Jenaer Jenzig-Verlag neu erschienenen Buches von Michael Köhler auf den Punkt bringen könnten. Dennoch bietet es einen ersten Einstieg in jene vergangene Welt, deren Wirken noch immer anhält. Hilfreich gestaltet sich die Tatsache, daß Bilder, Karten und wissenschaftliche Angaben eher nicht von irrgeleiteter Germanenromantik durchsetzt sein dürften.
In einem einleitenden Teil werden Typen von Kultplätzen sowie die archäologische und die sagenhafte Überlieferung diskutiert. In einem ausführlichen, bebilderten Katalogteil sind etwa 400 Kult- und Kultverdachtsplätze aufgeführt. Zahlreiche Karten und Lageskizzen sowie ein Ortsregister erleichtern eine weitergehende Beschäftigung mit den Thüringer Kultplätzen.
Geschichte ist um so spannender, je fühlbarer sie ist. Beim Besuch für sich selbst sprechender Plätze gibt es keinen, der, sozusagen von hinten, vorgefaßte Ansichten einzutrichtern versucht. Dem Leser bzw. Betrachter wird so ein eigenes Urteil ermöglicht.
Das Buch:
“Heidnische Heiligtümer. Vorchristliche Kultstätten und Kultverdachtsplätze in Thüringen”
Autor: Michael Köhler
272 Seiten, ca. 150 teils farbige Fotos und 50 Abbildungen
ISBN: 978-3-910141-85-8
Erschienen im Jenzig-Verlag
Preis: 14,00 Euro
Weblinks:
Webseiten zum Thema stehen unzählig zur Verfügung. Erste Informationen gibt es bei Wikipedia und natürlich per Googlesuche mit dem Suchwort Heidentum

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