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Die Geschichte, wie der Stura seinen Haushalt zustande brachte Von Jan-Henrik Wiebe Maria Hoffmann Die Recherche erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Campusradio. Fast wie beim Stura: Ein Kohlezug nach Nirgendwo. Foto: flickr.com/stpaulgirl Wir können nur erahnen, wie die Gesichter der Sturamitglieder am Ende des vergangenen Jahres ausgesehen haben müssen, als sie bemerkten, dass ihnen mehrere Zehntausend Euro für den neuen Haushalt fehlen. Niemand will das während des Jahres entstandene Loch bemerkt haben, trotz starker Erhöhungen bei den Referaten und dem Personal. Auch beim Zwischenbericht des Haushalts hatte noch keiner den Überblick. Entstanden sei die Finanzierungslücke für das Jahr 2012 durch die wenigen Überträge aus dem vergangenen Jahr. Diese setzen sich aus den nichtausgegebenen Geldern der Fachschaften, Referate und anderen vom Stura unterstützten Gruppen zusammen. Diese Restbeträge beliefen sich in den vorherigen Jahren immer auf etwa 120.000 Euro und werden im Haushalt jedes Mal als feste Größe eingeplant. Für 2012 waren jedoch nur noch 34.000 Euro übrig. Diese Abschmelzung der Überträge wurde im vergangenen Jahr sogar noch vom Landesrechnungshof nach einer Prüfung des Haushaltes gefordert. Dass durch diesen Abbau 2012 Probleme entstehen – das war zu erwarten. Um den Ausfall zu kompensieren, gab es für den Stura nur zwei Möglichkeiten: kürzen oder die Semesterbeiträge erhöhen. Damit beginnt die lange Geschichte des Haushalts 2012. Die Fronten sind verhärtet und die Positionen klar: Auf der linken Seite Stur-A-ktiv, auf der anderen der RCDS. Dazwischen steht der derzeitige Finanzverantwortliche des Stura: Peter Held. Sein Vorgänger Hagen Schmidt muss sich schwere Vorwürfe aus manchen Fachschaften anhören. Ihm wird unter anderem angekreidet, dass in seiner Amtszeit die Finanzen chaotisch geführt worden seien und Rechnungen auch schon mal länger liegen geblieben seien. Hagen entgegnet: „Als ich anfing, habe ich die Relikte meiner Vorgänger übernommen, und die Unterstützung des ehemaligen Haushaltsverantwortlichen blieb größtenteils aus. Der Vorstand war nicht wirklich in der Lage mich fachlich zu unterstützten.“ Auch den gewählten Studentenvertretern schiebt er eine gewisse Mitschuld zu: „Aus Unwissenheit und vielleicht auch Trotz haben die Gremiumsmitglieder fälschlicherweise angenommen, wir würden jedes Jahr Unmengen an Vermögen ins Folgejahr schieben.“ Jedoch fügt er in seiner Erklärung, die dem Akrützel vorliegt, am Ende hinzu, dass er selbst auch nicht frei von Fehlern sei. Für ein Interview erklärte er sich nicht bereit, schließlich habe er seit September keinen Einblick mehr in die Sachlage. „Die aktuelle Lage wird, wie schon so oft, aus Unwissenheit und Geltungsdrang schlicht falsch bewertet“, schreibt Hagen in seiner Stellungnahme. „Ein normaler Fehler“ Dies sieht Peter Held als jetziger Verantwortlicher für die Finanzen anders. „Ich gebe zu, wir hatten den Übertrag noch höher geplant, das war ein Problem, das langsam gewachsen ist. Darum war nicht ganz klar, woraus er sich zusammensetzt und richtig entsteht. Im Zwischenbericht, der mal im Gremium abgegeben wurde, war dieses Problem nicht so sichtbar. Da hätte man schon früher die Diskussion starten müssen.“ Geplant war vergangenes Jahr ein Übertrag von 90.000 Euro für 2012, letztendlich wurden es nur 34.000. Warum das Haushaltsloch nicht gesehen wurde, kann Peter selbst nicht beantworten. „Vielleicht hat Hagen sich da nicht so den Kopf gemacht, vielleicht hat er das Problem selber so nicht gesehen, das kann passieren, das ist ein normaler Fehler.“ Eine Verschwendung der Gelder im vorherigen Jahr wollen sich die beiden letztjährigen Vorstandsmitglieder Carola Wlodarski-Simsek und Stephanie Borck nicht vorwerfen lassen. Sie betonen, dass die Gelder nur sinnvoll ausgegeben worden seien und forderten deshalb auch eine Erhöhung der Semesterbeiträge für den Stura. „Wir haben jetzt eine zweite Prüfungsberatungsstelle und dann die zweite Servicestelle für den Kopierraum. Wir haben wesentlich mehr Aktionen, die Referate sind alle voll besetzt und arbeiten wie verrückt, was sehr toll und schön ist. Allgemein haben wir auch sehr viele externe Sachen gefördert. Viele Studigruppen und zivilgesellschaftliche Akteure kamen mit Anträgen zum Stura, und die haben wir auch immer genehmigt und denen das Geld gegeben. Deswegen ist der Übertrag auch so klein. Es gab eigentlich kaum Anträge, die abgelehnt wurden. Wenn, dann waren das sehr abstruse oder sinnlose Sachen. Aber ansonsten war das Gremium auch recht großzügig – was gut ist, weil die Studis davon sehr profitieren“, erklären Carola und Stephanie. Was sie bedauern, ist die Tatsache, dass vielen Studenten gar nicht auffallen würde, wenn ihre Beiträge für Theatervorstellungen oder Lesungen verwendet werden und sie dort dann nur einen günstigeren Eintritt zahlen müssen. „Das war ja auch das, was in der Kritik stand, dass die Aktionen vom Stura nicht ausreichend kenntlich gemacht wurden. Deswegen wurde befürchtet, dass das in der Studierendenschaft nicht so gut ankommt, wenn wir jetzt den Semesterbeitrag erhöhen“, sagt Carola. Stephanie merkt an, dass schon seit mehreren Jahren der Beitrag nicht mehr erhöht wurde. „Dazu kommt, dass wir in Thüringen eine der Unis mit den niedrigsten Semesterbeiträgen sind.“ Geistige und physische Abwesenheit Für schlecht halten sie hingegen die Kommunikation zwischen den Referaten und dem Gremium. „Nur wenige Gremiumsmitglieder sind tatsächlich aktiv in den Referaten, und wenige Leute aus den Referaten kommen in die Gremiumssitzungen. Vor allem die Leute, die ganz strikt für die Kürzungen waren, sind auch diejenigen, die nicht aktiv in den Referaten sind. Das ist dann problematisch, wenn ein Haushalt gemacht werden soll, ohne zu wissen worüber man eigentlich gerade entscheidet“, sagt Carola. Gemeint ist der RCDS. Tatsächlich kommen die Mitglieder der CDU-nahen Studentenvereinigung eher selten zu den Sitzungen. Doch auch die Jusos und Die Liste sind selten gesehene Gäste. Manche Stura-Mitglieder waren nur bei vier von zwölf der bisherigen Sitzungen anwesend. Andere haben bisher kein einziges Mal gefehlt. Bei der Stura-Sitzung am 10. Januar wird klar, wie ernst manch ein gewählter Studentenvertreter seine Arbeit nimmt. Neben denen die Bier trinken, gerne auch zwei, gibt es diejenigen die Zeitung lesen, in der Chipstüte rascheln und dann um 22 Uhr gehen, noch bevor der Haushalt verabschiedet wird. Besonders deutlich wird die Langeweile und geistige Abwesenheit bei einer Medizinstudentin, die für die Jusos im Gremium sitzt. Wenn ihr Blick nicht gerade auf das vor ihr liegende I-Pad gerichtet ist, schaut sie wie die anderen Mitglieder ihrer Fraktion abstimmen. Warum sie immer noch, trotz acht unentschuldigter Fehltermine, weiterhin ein Mandat hat, bleibt ein Rätsel. Dass so eine Sitzung nicht nur Spaß macht und sich in die Länge ziehen kann ist klar und wird bei einem Blick auf die Tagesordnung deutlich. Auf sechs Stunden ist sie angesetzt – bis 24 Uhr. Antrag, Gegenantrag, lange Argumentationen und Gegenstimmen folgen einander – und immer wieder der Beschluss über die Schließung der Redeliste. Der RCDS bleibt stur und will die Beiträge nicht erhöhen, stattdessen soll radikal bei den „linken“ Referaten gekürzt werden. Dies wollen die Vertreter von Stur-A-ktiv nicht hinnehmen und plädieren für die Erhöhung. Nach langer Diskussion können sich alle, ausgenommen der RCDS, auf eine Erhöhung von sieben auf acht Euro ab dem nächsten Wintersemester einigen. Trotzdem muss bei Mike Niederstraßers Haushaltsentwurf noch gekürzt werden. Um fast jeden zu kürzenden Euro wird dabei gefeilscht. Am Ende kommt doch noch der große Konsens zustande. Kurz vor zwölf wird der neue Haushalt in seiner sechsten Lesung von 20 Mitgliedern bei einer Gegenstimme angenommen, trotz der enthaltenen Erhöhung auch vom RCDS. Madlen Schwarzenberger rechtfertigt diese Wende ihrer Fraktion: Schließlich seien auch schon ein paar Veranstaltungen der Fachschaften ausgefallen. Schuld daran ist die Ausgabensperre, die so lange gilt, bis der Haushalt vom Stura und danach von Rektor Klaus Dicke verabschiedet wurde. Ausnahmen bestehen nur bei vertraglich verpflichtenden Zahlungen. Dank dieser Verträge konnte das Eulenfreunde-Festival des Campusradio in letzter Minute gerettet werden. Damit die Arbeit in den Fachschaften weitergehen kann, stimmte auch der RCDS am Ende für den Kompromissvorschlag. Kein Plan von Haushaltsplanung Das Gremium hätte ein „relativ großes Problem“ bekommen, wenn der RCDS seine Zustimmung zum Haushalt verweigert hätte, meint Peter. Die Kürzungen wären drastischer ausgefallen. „Das hätten viele nicht mitgemacht und somit wäre der Haushalt hundertprozentig nicht verabschiedet worden“, sagt er. Warum der RCDS in der Sitzung nicht selber Kürzungsvorschläge eingebracht hat, vermutet der Haushaltsverantwortliche: „Vielleicht haben sie jetzt nicht so den Plan von Haushaltsplanung, vielleicht durchsteigen sie das Thema nicht oder möchten nicht. Ich weiß es nicht.“ Selber gekürzt hätte er bei der Technik und den Campusmedien. Beim Campusradio würde er die Bezahlung des Musikredakteurs streichen. Stattdessen hätte er dieses Geld lieber auf die Referate und Arbeitskreise verteilt. Gerade dort würde Madlen aber am liebsten sparen. Wo genau, konnte sie jedoch nicht sagen. Stattdessen soll das übrige Geld an die Fachschaften verteilt werden. Dort würden die Studenten mehr vom Geld haben, so die Auffassung der Konservativen. Bei den Fachschaften werden neben Vorträgen vor allem die eigenen Partys finanziert, eine Aufgabe, die nicht im Landeshochschulgesetz festgeschrieben ist, also nicht zum Kernbereich der Studentenvertretung gehört. Dass der Stura einen Haushalt von über einer halben Million verwaltet, stört Rektor Dicke nicht, schließlich seien alle über 18: „Das Vertrauen muss ich einfach haben und damit müssen sie umgehen können. Dass das überwacht wird von Seiten der Universität ist darin begründet, dass jeder Umgang mit öffentlichen Geldern Kontrollen unterworfen sein muss.“ Bevor der Haushalt vom Rektor unterzeichnet wird, durchläuft er eine Prüfung der Finanz- und Rechtsabteilung, sowie zusätzlich noch der Rechnungsprüfung der Universität. „Wir werden uns das sehr genau ansehen“, sagt Dicke in Bezug auf die Semesterbeitragserhöhung. Auch die Fehltage will er prüfen: „Falls das gehäuft auftritt und es dazu führt, dass Sand ins Getriebe gerät und die Arbeit beeinträchtigt, gibt es ein Problem. Wenn das der Fall wäre und ich wüsste davon, dann würde ich bei den Besprechungen, die ich zweimal im Semester mit dem Stura-Vorstand habe, rückfragen, was da los ist.“ Dass es beim Stura, den Referaten und Fachschaften Probleme bei der Kommunikation untereinander gibt, ist sogar bis zu ihm vorgedrungen. Hätten die Gremien öfters über Finanzen mit dem Haushaltsbeauftragten gesprochen, wäre das Problem mit den geringen Überträgen vermutlich schon viel früher erkannt worden. Nicht nur aus aktuellem Anlass hat Dicke laut eigener Aussage schon mehrfach gesagt: „So kann das nicht weitergehen.“
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Ein Gespräch über Aufgaben und Hürden eines Stura Das Gespräch führte Maria Hoffmann Peer Pasternack ist Direktor des Instituts für Hochschulforschung an der Uni Halle-Wittenberg. Er forscht unter anderem zu Wissenschaftsgeschichte und Hochschulpolitik. Mit dem Akrützel sprach er über Engagement an der Hochschule, Zeitmangel und angemessene Entschädigungen. Foto: Pressestelle Uni Leipzig/Jan Woitas Wie hat sich die Hochschulpolitik nach der Wende in Ostdeutschland entwickelt? Es fing an mit einem Modell der studentischen Selbstverwaltung, das 1989 in vielen Diskussionen entwickelt wurde. Im Herbst 89 ging zunächst kaum jemand davon aus, dass es zwingend zu einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten kommt. An den Ost-Hochschulen war das westdeutsche AStA-Modell gar nicht bekannt, und das dann selbstentwickelte war stark vom Rätemodell inspiriert. Damals bildeten sich überall Räte oder räteähnliche Strukturen, so auch Studentenräte. Als dann die Vereinigung der beiden deutschen Staaten und damit auch der beiden Hochschulsysteme auf die Tagesordnung gelangte, zeigte sich, dass sich dieses Modell stark von dem westdeutschen unterschied. Die ostdeutsche Studierendenselbstverwaltung beruhte nicht auf Listen, die gewählt werden können, und setzte keine politischen Gruppierungen voraus. Stattdessen gab es Personenwahlen, die in der Regel über Fachschaftskandidaten zustande kamen. Es herrschte eine Auffassung, die nur vor dem Hintergrund der FDJ-Erfahrung an den DDR-Hochschulen verstanden werden kann: Die FDJ hatte für sich ein studentisches Vertretungsmonopol in Anspruch genommen, aber zuerst die Politik gegenüber der Studentenschaft vertreten, erst danach im Einzelfall auch studentische Anliegen gegenüber der Politik. Die Studentenräte wollten nun zum einen die Studierenden vertreten und zum anderen möglichst alle vertreten: „Quasigewerkschaftlich“ wurde das damals genannt. Eine parlamentsähnliche Organisationsform mit politischen Gruppen, die um Anteile von Sitzen im Stura konkurrieren, wurde da kritisch gesehen. Dieses ostdeutsche Modell ist dann in Grundzügen, zum Teil optional, in die neuen Landeshochschulgesetze aufgenommen worden. An sehr vielen ostdeutschen Hochschulen ist das Stura-Modell infolgedessen bis heute das vorherrschende. Welchen Einfluss hatte dieses Stura-Modell? Es hat manche Sachen damals erleichtert. Insbesondere die politische Polarisierung innerhalb der Studierendenschaften war dadurch weniger stark, als es von westdeutschen Hochschulen bekannt ist. Es hatte aber auch Nachteile, weil ein Gremium, das grundsätzlich alle vertreten möchte, auch eingeschränkt ist in seiner Fähigkeit, sich besonders deutlich hochschulpolitisch zu positionieren. Stattdessen war das häufig sehr – manchmal wohl auch zu sehr – kompromissorientiert. Das scheint mir heute auch der Fall zu sein. Welche Aufgaben und welche Rolle würden Sie einem Stura heute zuschreiben? Was hat sich gewandelt? Geändert hat sich zunächst, dass sich der Stura nicht mehr fortwährend legitimieren muss. Er ist in den Hochschulen akzeptiert als die Struktur der Selbstverwaltung der Studierenden. Das musste am Anfang erst einmal durchgesetzt werden. Nachdem die Hochschulgesetze dann im Jahre 1991 verabschiedet waren, waren sie zwar formal legitimiert, aber sie mussten noch darum kämpfen, auch inhaltlich anerkannt zu werden: als Partner, Ansprechgremium und als dasjenige Gremium, das die studentischen Interessen bündelt. Eine Kontinuität ist, dass die Studentenräte relativ stark auf Mitwirkung fokussiert sind und als solche von den Universitäts- und den Fakultätsleitungen ernst genommen werden. Man erwartet von ihnen, dass sie die studentischen Positionen erheben, bündeln und vertreten. Das fällt allerdings ziemlich schwer, weil es gewisse Schwierigkeiten mit der Mobilisierungsfähigkeit der Studierenden gibt. Infolgedessen werden dann häufig die persönlichen Präferenzen derjenigen, die die Sprecherpositionen bekleiden, stark wirksam. Dabei ist eine besondere Schwierigkeit der letzten Jahre, dass es durch das Bologna-Regime für Studierende schwieriger wird, die Zeit zu finden, um sich an studentischer Interessenvertretung oder Meinungsbildung zu beteiligen. Ist es schwierig alle Studenten unter einen Hut zu bekommen, um sie angemessen vertreten zu können? Ja, sie unter einen Hut bringen zu können, würde voraussetzen, dass klare Artikulationen stattfinden. Es herrscht hier allerdings Nicht-Artikulation von Interessen vor, und dann müssen diejenigen, die gewählt sind, von vermuteten Interessenlagen der von ihnen zu vertretenden Klientel ausgehen. Sie müssen aufgrund von Alltagsgesprächen Vermutungen darüber anstellen, was das studentische Interesse zu einem bestimmten Thema ist. Was müsste sich ändern, damit man auch bei komplexeren Themen das Klima besser einfangen kann? Wegen der eng getakteten Studienprogramme ist es schwer, zu Angelegenheiten des Faches, der Fakultät oder Universität zusammenhängende Positionen zu entwickeln, weil den Studenten die Zeit fehlt, sich damit zu beschäftigen. Man müsste also das Studium von allzu restriktiven zeitlichen Bedingungen befreien. Das wäre auch aus anderen Gründen durchaus sinnvoll. Die Strukturierung, die durch den Bologna-Prozess in die Curricula gebracht worden ist, sollte ein Angebot an die Studierenden sein, und es sollte möglich sein, von diesem Angebot Gebrauch zu machen oder eben nicht. Das heißt, dass man auch unterschiedliche Studiergeschwindigkeiten zulässt, die es ermöglichen, dass man zeitliche Freiräume hat, um neben dem Studium auch andere Dinge zu betreiben, sei das nun studentische Interessenvertretung oder die Mitwirkung im Unichor. Es geht ja im Studium auch um Persönlichkeitsentwicklung. Ist die Arbeit im Stura auch eine Art „politische Übung“? Ja, aber da würde ich differenzieren, wie gut das ist. Eher problematisch ist es wohl, wenn man studentische Interessenvertretung als etwas begreift, mit dem man sich lediglich die Techniken aneignet, um sich später in einem „richtigen“ politischen Betrieb angemessen durchsetzen zu können. Das entwertet die studentische Interessenvertretung. Die sollte zunächst aufgrund von realen Bedürfnissen und Notwendigkeiten an der Hochschule betrieben werden. Diejenigen, die sich an dieser Interessenvertretung beteiligen, nehmen aber massiven Erfahrungsgewinn mit, der sich dann sowohl in politischen als auch beruflichen Zusammenhängen positiv auswirken kann, weil es eine kooperative Arbeit ist, in der man sich durchsetzen muss, sozial wie auch argumentativ. Das sind Dinge, die sich nicht nur in einer anschließenden politischen Karriere positiv auswirken können, sondern für das ganze Leben einen Zugewinn an Erfahrung bringen. Aber das sehen Sie eher als Nebenprodukt aus der Notwendigkeit einer Studierendenvertretung? Es sollte so sein, dass man sich in jeder Lebenslage für die gemeinschaftlichen Angelegenheiten interessiert und gegebenenfalls auch engagiert. Das ist für eine mündige Bürgergesellschaft eine Grundvoraussetzung, damit sie funktionieren kann. Insofern ist die Universität nur ein Ort von vielen, an dem man sich biografisch für eine bestimmte Zeit aufhält und den man genau deshalb mitgestalten sollte. Aber man sollte das nicht instrumentell, als eine Art politische Lehrlingszeit, auffassen. Für wie wichtig erachten Sie Kompetenzen bei der Mitarbeit im Stura? Das ist ein großes Problem für die studentische Selbstverwaltung, weil es fortwährend schnelle studentische Generationenwechsel gibt und es infolgedessen Wechsel in den Ämtern geben muss. Das wird verschärft durch die Bologna-Strukturen. Durch die beiden Studienzyklen wechseln viele nach dem Bachelor die Universität und investieren dann zwei oder drei Jahre in das Masterprogramm. Das ist relativ kurz, um sich in die speziellen Bedingungen vor Ort einzuarbeiten und sich einzubringen. Da wäre, um Kompetenzen zu sichern, ein Erfahrungstransfer von einer studentischen Generation zur nächsten nötig. Das gelingt in den meisten studentischen Vertretungen nicht. Wie ist das zum Beispiel bei einem Haushaltsverantwortlichen, der mit großen Summen und öffentlichen Geldern umgehen muss? Hier gelangen die meisten Studentenvertretungen zu der Mischstruktur, dass es einen oder eine hauptamtliche Angestellte gibt, die sich mit den Finanzen befasst, und einen Finanzreferenten, der versucht, sich so weit einzuarbeiten, dass die Finanzsachbearbeitung nicht die hochschulpolitische Arbeit über die Finanzen steuern kann. Das Modell hat sich als recht erfolgreich erwiesen. Wenn die Finanzsachbearbeitung viele Jahre für die studentische Vertretung tätig ist, akkumuliert sie viel Insiderwissen und kann dadurch in die Versuchung geraten, die inhaltliche Arbeit des Stura über die Steuerung von Finanzströmen zu beeinflussen. Das sollte nicht passieren. Deswegen muss die Zeichnungsberechtigung bei einem gewählten Finanzreferenten liegen, aber auf der Grundlage einer professionellen Finanzsachbearbeitung, damit keine technischen Fehler passieren, die mit der hochschulpolitischen Arbeit der Studierendenvertretung gar nichts zu tun haben. Der Finanzreferent oder die -referentin ist so auch entlastet von diesem technischen Kram. Man muss nur Willens sein, eine Personalstelle dafür zu bezahlen, die aus studentischen Mitgliedsbeiträgen finanziert wird. Inwieweit kann der Stura als Arbeitgeber fungieren? Die meisten Studentenräte an Universitäten haben Angestellte, und diese sollten immer nur dienstleistende Funktionen wahrnehmen. Andernfalls können sie in die Lage kommen, die inhaltliche Arbeit zu bestimmen, was unter Umständen den Mehrheitsbeschlüssen der Studentenvertretungen nicht entspricht. Aufwandsentschädigungen sollte man an gewählte Vertreter zahlen, die eine Funktion wahrnehmen, die sehr intensiv Zeit absorbiert. Wenn sich das zwischen 25 und 50 Prozent des Zeitbudgets bewegt, müsste eine Aufwandsentschädigung gezahlt werden, weil es sonst schwierig wird, Leute zu finden, die das überhaupt machen. Wenn man 25 Prozent seiner Zeit in Vertretungsarbeit investiert, muss man davon ausgehen, dass sich auch das Studium um 25 Prozent verlängert. Aufwandsentschädigungen sind eine höchst preiswerte Variante, Engagement zu vergüten, weil hier keine Lohnnebenkosten anfallen, was bei Angestellten der Fall ist.
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Ein Student erzählt von seiner rechtswidrigen Verhaftung Das Gespräch führte Steffen Elsner Sven Schwabe, Student an der FSU, wurde 2007 in Heiligendamm für sechs Tage in Polizeigewahrsam genommen. Anschließend trat er den Gang durch die Institutionen an und verklagte Deutschland schließlich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Erst dort wurde ihm Recht gegeben und seine Festnahme als rechtswidrig verurteilt. Foto: Steffen Elsner Warum hast Du Dich entschieden nach Heiligendamm zu fahren? Wir wollten gegen die ungerechte und aus unserer Sicht illegitime Politik der führenden acht Industrienationen protestieren. Die propagieren ein Wirtschaftssystem, das Reichtum und Privilegien für die reichsten fünf bis zehn Prozent der Menschen schafft, während der Großteil der Weltbevölkerung darunter zu leiden hat. Wie habt Ihr die ersten Protesttage erlebt? Wir haben an einer großen Demonstration am 2. Juni in Rostock teilgenommen. Die ist ziemlich eskaliert. Am Abend danach haben wir in einem Camp übernachtet. Dort haben Leute erzählt, ein Freund von ihnen sei in Polizeigewahrsam gekommen. Da sie kein Auto hatten, haben mein Freund und ich sie zum Gefängnis gefahren. Auf dem Parkplatz der JVA in Waldeck kam es dann zur Polizeikontrolle. Sie haben unsere Personalien kontrolliert oder wollten das nach ihrer Aussage zumindest. Dann haben sie uns äußerst brutal zu Boden gebracht und festgenommen. Mein Freund ist fast bewusstlos geworden. Er hatte schwere Blutungen am ganzen Kopf und eine Gehirnerschütterung. In Folge der Gewaltanwendung haben die Beamten unser Auto durchsucht. Mein Freund und ich wurden abgeführt, unsere Mitfahrer zuerst auch, dann aber wieder freigelassen. Wie hat die Polizei Eure Verhaftung nachher gerechtfertigt? Bei der Durchsuchung des Wagens fand die Polizei im Kofferraum die beiden Transparente auf denen „Freedom for all prisoners“ und „Free all now“ stand. Das wurde vom Amtsgericht Rostock zum Anlass genommen, uns sechs Tage in Polizeigewahrsam zu sperren. Der Aufruf zur Gefangenenbefreiung sei eine Straftat. Weder dass wir keine Waffen dabei hatten, noch dass außer uns niemand auf dem Parkplatz war, ließ deutsche Gerichte an ihrem Urteil zweifeln. Von uns neun Leuten ging überhaupt keine Gefahr aus. Wir waren vielleicht bloß zur falschen Zeit am falschen Ort. Hatte das brutale Vorgehen Konsequenzen für die Polizisten? Wir haben eine Klage eingereicht wegen Körperverletzung im Amt. Es gab dann ein Verfahren vor dem Amtsgericht Rostock. Der Polizist wurde allerdings freigesprochen. In dem Moment, in dem die Körperverletzung stattgefunden hat, hat angeblich gerade keiner hingeschaut oder sei mit anderen Dingen beschäftigt gewesen. Wie ging es dann nach eurer Verhaftung weiter? Wir wurden in eine Gefangenensammelstelle in Rostock gebracht. Am nächsten Tag hat uns der Amtsrichter zu Polizeigewahrsam verurteilt. Als erste G8-Protestanten kamen wir in die JVA in Bützow. Dort angekommen, mussten wir uns erstmal nackt ausziehen. Zuerst war ich 23 Stunden in Einzelhaft. Nur in einem abgeranzten Raum: Gitterstäbe vor den Fenstern und diese Tür, die hinter einem zuknallt. Uns war vollkommen unklar wie es weitergeht. Ich wurde dann nach dem Tag mit meinem Freund zusammengesperrt. Wie war es im Gefängnis für euch psychisch und physisch? Uns wurde körperlich nicht allzu groß zugesetzt. Und auch mit dem Wissen, dass man nach einer Woche wieder rauskommt, ist die Zeit wenigstens begrenzt. Es gibt noch eine ganz andere Bandbreite von Leuten: Manche bleiben mehrere Jahre in Haft und es gibt Leute wie Oury Jalloh, die in Polizeigewahrsam sterben. Und trotzdem ist es so, wenn man in diese Zelle reinkommt, ist das gar nicht so leicht mit der Realitätserfassung. Ich habe mich am Ende wirklich gefragt: Was habe ich falsch gemacht? Zu zweit war das schon besser, weil man sich dann austauschen konnte. Ihr habt ja sicher versucht, möglichst schnell wieder rauszukommen. Was waren Eure Schritte? In Gewahrsam haben wir natürlich sofort Anwälte angerufen, die sich dann sofort aufopfernd um uns gekümmert haben. Von etwa 1.100 Präventivfestnahmen während des G8-Gipfels waren 1.000 rechtswidrig. Für sie war sofort klar, dass das auch bei uns der Fall ist. Unsere Anwältin sollte am nächsten Tag vor Gericht zum Gefährdungspotenzial der Transparente Stellung nehmen. Da war sie vollkommen baff, was solle sie denn da ausführen. „Freedom for prisoners“ ist doch eine legitime Forderung, die man stellen kann. Vor allem wenn in Rostock 1.000 Menschen rechtswidrig eingesperrt sind. Wie ging es weiter, als Ihr nach den ersten Klagen nicht freigesprochen wurdet? Für unsere Anwältin war das eigentlich ein einfacher Prozess. Wir haben uns noch während der Haft bis zum Oberlandesgericht vorgeklagt und nach der Entlassung eine Klage beim Bundesverfassungsgericht vorbereitet, aber unser Einspruch wurde abgewiesen. Alle deutschen Gerichte meinten, es sei alles rechtens gewesen. Das hat uns schockiert. Was dachtet Ihr, als Ihr erfahren habt, dass Ihr auch beim Bundesverfassungsgericht keinen Erfolg mit Eurer Klage habt? Wenn man mitkriegt, dass vom Amtsgericht bis zum Bundesverfassungsgericht alle sieben Instanzen unseren Gewahrsam bestätigt haben, denkt man schon: Das kann doch nicht wahr sein. Ihr habt Euch dann nochmal entschlossen, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) zu klagen. Erkläre doch mal, wie Ihr zu dieser Entscheidung gekommen seid. Mein Freund, unsere Anwälte und ich haben sehr viel Ressourcen und Zeit investiert, um immer dran zu bleiben. Wir haben gesagt, dass das ein Fall ist, der nicht nur uns angeht, sondern für die Rechtsprechung insgesamt von Bedeutung ist. Ihr habt vier Jahre auf das Urteil warten müssen und Recht bekommen. Wie lief das Verfahren vor dem EGMR ab? Es wird alles schriftlich gemacht. Man schildert seinen Fall und die Rechtsbrüche. Die Bundesregierung hatte dann die Möglichkeit zur Stellungnahme. Zu einem bestimmten Zeitpunkt kommt es dann auf die Agenda. Auf die Entscheidung haben wir jetzt viereinhalb Jahre gewartet. Es schauen unheimlich viele Menschen, was dort gemacht wird und wer dort aus welchen Gründen verurteilt wird. Es gab ein unglaublich großes Echo in den Medien. Wie sah das Urteil genau aus? Wir haben wirklich in fast allen Punkten Recht bekommen. Deutschland hat gegen grundlegende Menschenrechte, das Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit sowie das Recht auf körperliche Unversehrtheit in voller Bandbreite verstoßen. Interessant ist, dass der EGMR in seinem Urteil noch direkte Hinweise gegeben hat, dass der polizeiliche Präventivgewahrsam, wie er in Deutschland durchgeführt wird, allgemein problematisch sein könnte. Er wird im Moment regelmäßig angewendet, um Leute vorsorglich, aufgrund vager Vermutungen, für mehrere Tage einzusperren. Man bestraft Menschen dafür, dass sie politisch aktiv sind. Der EGMR hat Euch am Ende jeweils 3.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen. Was hast Du damit vor und hat es sich dafür gelohnt? Beim G8-Gipfel waren Anwälte von der Roten Hilfe und vom Republikanischen Anwältinnen- und Anwälte-Verein aktiv, weil im Vorfeld schon klar war, dass die Bundesrepublik dort im großen Stil Menschenrechte verletzen wird. Ohne deren Hilfe wäre der Prozess am Ende nicht möglich gewesen. Daher ist man denen auf jeden Fall zu Dank verpflichtet und es ist mir wichtig, dass wir einen Großteil des Schmerzensgeldes diesen Organisationen zukommen lassen wollen. Uns war klar: Es geht um Demokratie und Menschenrechte, in Deutschland und Europa. Wir wollten das Verfahren führen, weil wir in Zukunft nicht darauf verzichten wollen, von unseren Grundrechten Gebrauch zu machen. Ich kenne aber sehr viele Menschen, die gerade infolge solcher Erlebnisse aufhören. Das kann ich nachvollziehen. Was wird sich in Deutschland nun ändern? Welche Folgen sind absehbar? Es ist schon eine Erleichterung für uns, diesen offensichtlichen Rechtsbruch als solchen bestätigt zu bekommen. Über Konsequenzen für die jetzige Rechtsprechung in Deutschland wird diskutiert. Es geht weniger um die Politik, sondern um die Polizeipraxis. Die muss sich jetzt stark einschränken. Es ist abzuwarten, wie die Polizei damit umgeht. Das Urteil hat im gesamteuropäischen Kontext unheimlich starke Resonanz ausgelöst. Meistens ist es nämlich die BRD, die andere Staaten für Menschenrechtsvergehen rügt.
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Vom alltäglichen Alkoholmissbrauch unter Studenten Von Maximilian Gertler Die Überreste einer typischen WG-Party. Foto: Maximilian Gertler Mittwoch, halb fünf Uhr morgens. Joscha wacht auf. Ein durchdringender Bass umgibt ihn, der Raum ist in ein fahles Rot getaucht. Plötzlich spürt er einen Brechreiz. Joscha kann es nicht mehr halten und übergibt sich direkt an Ort und Stelle. Der Abend im Kassa ist gelaufen. Er holt seine Sachen und torkelt nach Haus. Am nächsten Tag feiert ein Kumpel von Joscha in seinen Geburtstag rein. Der Kater von gestern ist zwar noch deutlich spürbar, aber gegen zwei bis drei Konterbiere ist offenbar nichts einzuwenden. Für manche Studenten mag sich das nach Alltag anhören, und für die nächste Party ist es eine lustige Anekdote, wenn man in angeheiterter Runde von seinem letzten Absturz erzählen kann. Alkohol und das Gespräch darüber verbindet. Regelmäßiger Alkoholkonsum scheint unter Studenten eine völlige Akzeptanz zu genießen. Und die Uni macht heiter mit: Rektor Dicke überreicht feierlich die ersten Biere des Unijahres an die Ersties, in der Mensa ist der begehrte Gerstensaft auch erhältlich und Glühweinstände im Foyer am Campus gibt es um die Weihnachtszeit praktisch jeden Tag. Auch die Fachschaften lassen sich nicht lumpen und spendieren zu Semesteranfang und -ende hunderte Liter des süffigen Giftes. Denn nichts anderes ist Alkohol: ein Nervengift. So wurde in einem Drogenranking der Universität Bristol 2010 Alkohol zur gesundheitsschädlichsten Droge gekürt, gerade aufgrund seiner schädlichen Folgen nicht nur für Körper, sondern auch für die Gesellschaft. Einer geht noch Samstag: Joscha sitzt mit Freunden in der Küche – vorglühen für eine WG-Party später am Abend. Nach ein paar „Bierchen“ werden Mischgetränke aus dem Kühlschrank gezaubert: Wodka‑O, Wodka-Energy und Wodka-Cola. Diese sind teils für den späteren Verzehr gedacht, damit auf der WG-Party nicht auf dem Trockenen gesessen werden muss. Ein paar alkohollastige Abende mit Freunden: Lässt sich da schon von Alkoholmissbrauch sprechen? Jörg Wittemann von der Drogenberatungsstelle des Studentenwerks Jena redet von „klaren diagnostischen Kriterien, die leicht voneinander abweichen. Es gibt die ICD10 und das DSM IV“. Hinter diesen kryptischen Abkürzungen verbergen sich Klassifikationsmodelle. Hierbei werden Aussagen formuliert, auf die jeder potenziell Betroffene für sich antworten muss. Wenn mehrere Kriterien zutreffen, lässt sich von einem Alkoholmissbrauch sprechen. Dazu gehört zum Beispiel ein starker Konsumwunsch, eine verminderte Kontrollfähigkeit, das Trinken zu beenden oder dass immer mehr Alkohol zu sich genommen werden muss, um einen bestimmten Pegel zu erreichen. Wer vermutet, ein Alkoholproblem zu haben, sollte sich an die Suchtberatung des Studentenwerks Thüringen wenden. „Grundsätzlich sind wir eine erste Anlaufstation. Wir bieten Beratung für Studenten im Umgang mit Alkohol“, berichtet Jörg Wittemann. So ist eine problemspezifische Beratung möglich, nicht aber eine Therapie. Hierzu verweist die Suchtberatung auf andere Stellen, wie die Suchthilfe Thüringen, das Gesundheitsamt oder entsprechende Kliniken. Jeder Dritte gefährdet Aktuelle Zahlen zum Alkoholmissbrauch unter Studenten zeigen die Wichtigkeit solcher Beratungsstellen. Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim geht davon aus, dass jeder dritte Student in Deutschland ein Alkoholproblem hat. Speziell für Jena gibt es hierzu keine Erhebungen. Zur Suchtberatung des Studentenwerks kamen im Jahr 2011 nur fünf Menschen mit einem Suchtproblem als Beratungsanlass, wobei aber auch andere Drogen beinhaltet sein können. Das klingt erstmal wenig, aber „in einigen Fällen melden sich Ratsuchende auch mit anderen Problemen und erst im Verlauf kommt das Thema Alkohol zutage“, erzählt Wittemann. Auch wenn von einer tatsächlichen Sucht noch nicht zu sprechen ist: Seinen Konsum sollte jeder hinterfragen. Dienstag: Eine knappe Woche ist seit Joschas Absturz im Kassa vergangen. Heute Abend ist Glühweintrinken bei Kommilitonen angesagt. Der Freizeitstress scheint ihm keine Pause vom Alkohol zu gewähren. Eine Woche – vier mal voll. Joscha greift nicht, noch nicht, aus purem Verlangen zur Flasche. Seinen Alkoholkonsum glaubt er unter Kontrolle zu haben. Er beruhigt sich damit, dass er noch genug soziale Anlässe findet, um nicht alleine zu trinken.
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Otto-Dix-Ausstellung in der Orangerie und im Otto-Dix-Haus Von Nadja Demel Otto Dix retrospektiv: Im Vordergrund rechts „Doppelbildnis Dix-Günther“ (1920), links „John Penn“ (1922) und hinten in der Mitte „Selbstbildnis mit Jan“ (1930). Foto: Stadtverwaltung Gera Prüfend schaut der Künstler hinter seiner Staffelei hervor. Sein Gesichtsausdruck ist streng, fast schon grimmig. Sein Blick durchdringt den Beobachter, er wirkt höchst konzentriert – so präsentiert sich Otto Dix auf einem Selbstbildnis aus dem Jahr 1926. Anlässlich seines 120. Geburtstags zeigt seine Heimatstadt Gera Werke aus dem Leben des Künstlers. Die Retrospektive ist auf die Orangerie und das Otto-Dix-Haus, das Geburtshaus des gelernten Dekorationsmalers, verteilt. Der Besucher wird dabei durch alle Schaffensphasen geführt. Beginnend mit impressionistischen Ölgemälden, zumeist Landschaftsdarstellungen aus den Regionen Gera und Dresden, wo Dix Schüler der Kunstgewerbeschule war, führt die Exposition schnell zu einer seiner größten Leidenschaften: der Porträtkunst. Die unverwechselbare Mischung aus Realismus und Karikatur machte Dix zu einem der bedeutendsten Porträtisten des 20. Jahrhunderts. Mit Kreide, Bleistift und Kohle gab Dix die Erscheinungen seiner Freunde wieder – oftmals höchst kritisch und wenig beschönigend. Anders als bei seinen anfänglichen Werken wandte sich sein Stil in der Porträtkunst deutlich dem Expressionismus zu. Auf Selbstbildnissen zeigte er sich selbstbewusst als Künstler. Der strenge Blick und ein harter Gesichtsausdruck wurden dabei zu seinen Markenzeichen. Eines der zentralen Themen in Dix‘ Arbeit ist die künstlerische Verarbeitung seiner Erlebnisse im Ersten Weltkrieg. Die Bilder im nächsten Abschnitt der Ausstellung spiegeln durch die Darstellung von Verwundeten, Krüppeln und Leichen die Grausamkeit des Krieges wider. Mit Bleistift und Tusche hielt Dix die Ereignisse dieser Zeit fest; Totenköpfe und blutige Schlachtfelder sind nur einige der düsteren Motive. Auch die Zustände der Nachkriegszeit waren bei ihm Thema. So finden sich bei seinen Werken der 20er Jahre Bildnisse von Kriegsversehrten, Prostituierten, schwangeren Frauen, Menschen in sozialen Randgruppen und Arbeitslosen. Der sozialkritische Anklang in Dix‘ Bildern unterscheidet ihn von den meisten anderen zeitgenössischen Künstlern. Bilder des Krieges Während der 20er Jahre entstand auch das Monumentalgemälde „Der Schützengraben“, eines der bedeutendsten Kriegsbilder dieser Zeit, das mittlerweile aber verschwunden ist und in Russland vermutet wird. Die Ausstellung in der Orangerie zeigt in einem abgetrennten Raum eine Auswahl weiterer verschollener Bilder auf Leuchttafeln. Zum „entarteten Künstler“ degradiert, musste Dix während der NS-Zeit den Verlust einiger seiner Bilder hinnehmen. Rund 260 seiner Arbeiten wurden beschlagnahmt. Einige wurden verkauft, manche sogar zerstört. Die Sammlung der Bilder in der Orangerie setzt insbesondere den stilistischen Wandel von Dix‘ Bildern während des Nationalsozialismus in Szene. Der Künstler wandte sich wieder der Landschaftsmalerei zu, nun jedoch mit religiöser Thematik. So malte er 1939, unter Verwendung von altmeisterlichen Techniken, das Abbild vom „Heiligen Christophorus“ für den Besitzer der Köstritzer Schwarzbierbrauerei. Dix erhielt zu dieser Zeit noch immer viele Privataufträge. Auch während seiner Kriegsgefangenschaft in Frankreich war Otto Dix die Kunst ein inneres Bedürfnis. Nach seiner Rückkehr wurde sein Stil impulsiver und expressionistischer. In seinen Bildern fanden sich jetzt Trümmer- und Ruinenelemente, wie im Bild „Hiob“ aus dem Jahr 1946. Die gedeckten Farben verbreiten eine gedrückte Stimmung. Das Bild macht das Leid der Kriegsopfer und die Ausmaße der Zerstörung deutlich. Zurück zur Landschaft Im Gegensatz zur Ausstellung in der Orangerie thematisiert die Sammlung im Otto-Dix-Haus insbesondere die frühe und späte Landschaftsmalerei. Dort finden sich auch viele Bilder von Gera und der Region. Auch sind Porträts aus den 50er und 60er Jahren zu sehen, eine Zeit, in der Dix‘ Arbeit von Melancholie und politischen Anklängen geprägt ist. Das „Grafische Kabinett“ des Hauses präsentiert zusätzlich 46 gezeichnete Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg. Die Retrospektive zeigt nicht nur die Werke eines außergewöhnlichen deutschen Malers und Grafikers des 20. Jahrhunderts, sondern führt auch durch das bewegte Leben eines Mannes, der Soldat in zwei Weltkriegen war und viel Leid erfahren musste. Seine stilistische Vielfalt wird in der Schau nicht nur deutlich gemacht, sondern auch im Zusammenhang mit den historischen Hintergründen erläutert. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 18. März, immer dienstags bis sonntags und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr. Öffentliche Führungen finden in der Orangerie samstags und sonntags um 14 Uhr und im Otto-Dix-Haus donnerstags um 16 Uhr statt.
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Jenas Umgang mit der plötzlichen Aufmerksamkeit in den Medien Von Daniel Hofmann und Jan-Henrik Wiebe Für so einen Medienauflauf sind Jenas Presseräume nicht geschaffen.Foto: Daniel Hofmann Wie ein großes Batman-Symbol am Abendhimmel erstrahlte am 2. Dezember ein riesiges Ausrufezeichen am Jentower. Dem hell erleuchteten Aufruf folgten 45.000 Menschen und versammelten sich zum „Rock gegen Rechts“ in Jena. Das Ausrufezeichen sollte unterstreichen, dass Jena eben kein braunes Terrornest ist, sondern eine „Bunte Republik Deutschland“ sein will. Zum Konzert in die Oberaue erschienen nicht nur Menschen aus Jena, sondern auch viele aus dem Umland. Sogar ein Sonderzug fuhr von Erfurt aus über Weimar und Apolda nach Jena. Das wollte sich niemand entgehen lassen, schließlich kamen Udo Lindenberg, Peter Maffay, Clueso, Silly und Julia Neigel in die Saalestadt. Gegen diese Art des Protests regte sich jedoch Widerstand. „Zu teuer! Das Geld sollte man lieber in andere Projekte stecken“, „Die kommen doch eh nicht mit nach Dresden“ oder „Ein Konzert bringt überhaupt nichts, der Rassismus in der Gesellschaft bleibt“, lauteten Vorwürfe der Kritiker des Konzerts. Sie befürchteten, dass es dabei nur um das Image Jenas geht und nicht um die Sache selber: Den braunen Sumpf trockenzulegen. Oberbürgermeister Albrecht Schröter sagte dem Akrützel: „So ein Konzert zieht Leute an, die normalerweise nicht zu Demos gehen, und das können wir nutzen.“ Auf der Bühne rief er deshalb alle Besucher dazu auf, nächstes Jahr nach Dresden zu fahren, um dort den Naziaufmarsch zu blockieren. Die Redebeiträge zwischen den Auftritten der Künstler machten deutlich, dass der Alltagsrassismus stärker bekämpft werden müsse. Neben dem Aktionsnetzwerk aus Jena, der Aussteigerorganisation „Exit“, einer Opferberatungsstelle und verschiedenen Politikern hielt auch der Pfarrer Lothar König von der Jungen Gemeinde Stadtmitte eine Rede. Schon nach kurzer Zeit ertönten Buh-Rufe aus dem Publikum. In der Rede ließ er seinen Gefühlen freien Lauf, machte den Staat für die Morde verantwortlich und traf auch sonst nicht den richtigen Ton gegenüber den Zuhörern. Das passte nicht jedem Konzertbesucher, der an dem Abend eigentlich für mehr Toleranz demonstrierte. Im Internet wurde er danach als „spastischer Kommunistenpfarrer“ beschimpft. Ein zweischneidiges Schwert Bereits im Vorfeld der Veranstaltung stellten Kritiker die Absichten der Veranstalter in Frage. So auch Timo Neumann von „Solid“, einer Jugendorganisation, die der Partei „Die Linke“ nahe steht: „Es ist doch eher ein Imageplus für die Stadt, als dass es etwas gegen rechts bringt.“ Außerdem sei es eine gute Plattform für Politiker wie den SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel gewesen, sich zu profilieren. „Es war halt ein Rockkonzert mit großem Tamtam.“ Auch Christoph Ellinghaus, Mitglied des Aktionsnetzwerks gegen Rechtsextremismus, ist nicht vollständig von einer positiven Wirkung überzeugt: „Solche Konzerte dienen auch der Versicherung, dass man damit nichts zu tun hat. Es ist wie eine Illusion, die sich schnell wieder auflöst.“ Eine zu einseitige Betrachtung empfindet er aber als unangebracht, denn „als Symbol funktioniert es und ein Konzert gegen rechts ist besser als gar nichts dagegen zu machen.“ Gerade der Leuchtturmcharakter eines medialen Großereignisses dient Befürwortern als Begründung für die Durchführung. Christoph Matschie, Thüringens Bildungsminister, ist da keine Ausnahme: „Das Signal gegen rechte Gewalt mit diesem Konzert ist richtig. Jetzt ist es wichtig, aktiv weiterzumachen.“ Die thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht sieht im Kampf gegen rechtes Gedankengut eine „Alltagsaufgabe, und jeder Alltag braucht Höhepunkte.“ Dass solche Höhepunkte von vielen als Spaßveranstaltung genutzt werden, ist auch Nico Przeliorz klar, einem Mitglied von Kokont, einer Anlaufstelle für Opfer von Diskriminierung und Gewalt: „Natürlich kommen manche nur zum Spaß, aber die wurden gezwungen, den Gesprächen auf der Bühne zuzuhören und mussten sich damit auseinandersetzen.“ Rund 320.000 Euro hat das Konzert gekostet. Ein Betrag, der bereits vorher durch Spenden und öffentliche Gelder der Stadt gesammelt wurde. Ellinghaus hätte das Geld lieber im Topf der Initiative „Dresden Nazifrei“ gesehen. Die Frage, ob so viel Geld ohne das Konzert zusammengekommen wäre, lässt er unbeantwortet im Raum stehen. Das Aktionsnetzwerk konnte während der Veranstaltung 2.000 Euro für eigene Zwecke sammeln – nicht viel bei rund 45.000 Besuchern. „Eigentlich sind die Zahlen nicht so schlecht. Es ist total schwierig Leute zu bewegen, Geld in eine Büchse zu geben“, widerspricht Carsten Müller, Leiter des Veranstaltungsmanagements von JenaKultur. Zusammen mit der Initiative „Mut gegen rechte Gewalt“ haben sie weitere 2.800 Euro gesammelt. 50 Prozent davon gehen an ein Projekt von „Mut gegen rechte Gewalt“, die andere Hälfte an ein lokales Projekt, das noch ausgewählt wird. Prioritäten setzen Neben mangelnder Spendenbereitschaft war vor allem die Platzierung der Infostände ein Kritikpunkt. Den Veranstaltern wurde das als fehlendes Engagement ausgelegt. Wenn es nach JenaKultur gegangen wäre, hätten die Stände direkt im Eingangsbereich stehen können. Warum es nicht so gekommen ist, erklärt Carsten Müller: „Wir mussten Prioritäten setzen. Sicherheit und Infrastruktur stehen da ganz oben.“ Feuerwehr- und Krankenwagenzufahrten sollten frei bleiben und eine ausreichende Stromversorgung musste gewährleistet werden. Die Sicherheitskräfte wollten die Stände noch weiter außerhalb platzieren. „Da gab es viel Streit zwischen der Sicherheit und JenaKultur. Wir waren schon froh, dass wir unseren Stand hatten“, erzählt Nico Przeliorz. Er hätte sich aber mehr Zeit zur Vorbereitung gewünscht, denn „dann wären wir auch besser eingebunden gewesen.“ Christoph Ellinghaus gibt jedoch zu bedenken, dass ein länger geplantes Konzert viel stärker nach einem Versuch aussehen würde, eine weiße Weste bewahren zu wollen. Eine Diskussion über die Wirkung des Konzerts gab es nicht. Weder davor noch danach. Gegner konfrontierten die Veranstalter und Befürworter mit verständlichen Einwänden, aber waren häufig taub für Erklärungsversuche der anderen Seite. Obwohl beide für die selbe Sache kämpfen und einen gemeinsamen Weg finden sollten, wird unnötige Energie verschwendet, um die eigene Vorgehensweise durchzusetzen. Ellinghaus sieht in diesem sturen Vorgehen ein Problem: „Das ist doch keine Rechthaberdebatte, sondern eine politische Diskussion. Die Dynamik entsteht erst in einer konstruktiven Auseinandersetzung.“ Alles hat sein Gutes Eine solche Debatte sollte dann die Podiumsdiskussion vom 5. Dezember werden. Der Stein des Anstoßes war ein Aspekte-Bericht im ZDF. Er beschäftigte sich mit der Angst von Migranten vor rechter Gewalt. Der Beitrag wurde in Jena mit dem Schriftsteller Steven Uhly gedreht und vermittelte einen sehr einseitigen Eindruck von der Stadt und ihren Menschen. Die ersten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten und verbreiteten sich schnell über Internet und lokale Zeitungen. Vor allem auf dem Internetportal Jenapolis wurde breit über dieses Thema berichtet und eine Petition ins Leben gerufen, die rund 4.500 Unterzeichner fand. Uhly rechtfertigte sich später in einem offenen Brief in der Ostthüringer Zeitung. Ob die Aufregung gerechtfertigt war und aus welchen Gründen die Beschwerden eingereicht wurden, war erst einmal kein Thema. Das änderte sich mit der Podiumsdiskussion. Obwohl der Chefredakteur der Aspekte-Redaktion angereist war, stand der Bericht nicht im Mittelpunkt. Es war eine Diskussion über Jena und wie in der Stadt mit Nazis umgegangen wird. Thomas Grund, Streetworker aus Winzerla, erzählte von Orten, die Migranten zu bestimmten Uhrzeiten lieber meiden. Aussagen, die momentan ein viel größeres Publikum erreichen. Das Interesse an der Podiumsdiskussion wurde wohl unterschätzt, denn das Theaterhaus war sichtlich zu klein. Neben den 200 Zuhörern im Saal versammelten sich außen weitere 300 Menschen im Schneeregen. Mit dem selben Problem hat man sich auch im Internet herumgeschlagen. Der Livestream vom Campusradio war für 100 Hörer eingerichtet, die zusätzlich Fragen einsenden konnten. „Eine halbe Stunde vorher waren bereits 75 Leute angemeldet“, erzählt Tobias Krone, Chefredakteur des Campusradio. Die konnten dann den scherzhaften Vorschlägen von Katharina König lauschen, bereits „pränatal“ gegen rechtsextremes Gedankengut vorzugehen. Neue Aspekte hat die Diskussion nicht hervorgebracht, aber das ist vielleicht nicht so wichtig: „Egal, wie unjournalistisch der Beitrag war, er hat dafür gesorgt, dass wir uns mit dem Rechtsradikalismus in Jena auseinandersetzen und allein das ist wichtig. Wir haben hier noch zu wenige Orte, an denen darüber geredet werden kann, und das müssen wir jetzt ändern“, fasst Ellinghaus zusammen. Mediale Ereignisse wie Konzerte oder Fernsehbeiträge tragen scheinbar weniger dazu bei, Meinungen dauerhaft zu beeinflussen. Dennoch könnten sie eine Initialzündung für nötige Umdenkprozesse sein. „Ob das Konzert ein richtiges Zeichen gesetzt hat, muss jeder für sich wissen. Wir haben jetzt jedenfalls eine viel bessere Möglichkeit, die Menschen zu erreichen. Sie erleben im Moment alles viel direkter und wir können leichter auf sie zugehen“, erzählt Przeliorz. Projekte, wie das versteckte Theater, könnten von diesen Umständen profitieren. Dabei geht es darum, Menschen im Alltag mit unangenehmen Situationen zu konfrontieren und Zivilcourage einzufordern. Es werden Szenen – zum Beispiel in Straßenbahnen – gespielt, in der ein Migrant von Neonazis beleidigt und bedrängt wird. Den Menschen, die wegschauen und denen der Mut fehlt, etwas zu unternehmen, bekommen ein Infoblatt, wie sie am Besten reagieren können. „Wir müssen solche Momente der direkten Aufklärung anbieten, denn demokratische Kultur findet in unserem Alltag statt“, erklärt Ellinghaus. Im Moment sucht er mit dem Aktionsnetzwerk nach Helfern für das Projekt „Noteingang“. Betreiber von Restaurants, Kneipen und anderen Geschäften sollen außen ein Noteingangsschild anbringen. Sie werden zu Fluchtpunkten, sollte sich jemand auf der Straße bedroht fühlen. „Die Angst des Opfers ist doch, dass niemand hinsieht oder hilft. Selbst wenn nichts passiert, dient dieses Schild als Zeichen, dass hier Menschen leben, die sich für dich einsetzen.“ Im Licht der Öffentlichkeit Was haben die vergangenen zwei Wochen also gebracht, außer einer zertrampelten Wiese, wütenden Kommentaren über einen Autor und ein paar hitzigen Diskussionen auf WG-Partys? Auch wenn das Konzert von einigen als mediales Imageprogramm der Stadt verstanden wird, konnten kleinere Initiativen auf sich aufmerksam machen. Noch viel wichtiger: Zusammen mit dem Aspekte-Bericht und der Podiumsdiskussion wurde das Thema Rechtsextremismus in Jena in die Öffentlichkeit gezerrt. Eine Gelegenheit, die von Initiativen genutzt werden kann, um mehr Menschen für ihre Arbeit zu gewinnen. Denn am Ende geben größere Veranstaltungen nur den ersten Schubs in die Richtung des Wandels. Die wirkliche Herausforderung ist es, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und das verlangt nach Menschen, die sich engagieren, informieren und niemals wegschauen. Wie viele nur zum Spaß da waren, lässt sich anhand der Gesichtsausdrücke nicht erahnen. Foto: Jan-Henrik Wiebe
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Wolfgang Frindte im Gespräch über Folgen eines Medienhypes Das Gespräch führten Maria Hoffmann und Daniel Hofmann Der Kommunikationspsychologe Wolfgang Frindte beschäftigt sich momentan mit der Wirkungen von Nachrichten über Terrorismus. Mit Akrützel sprach er darüber, wie die jüngsten Medienereignisse in Jena nachwirken können, über die Tricks die es braucht, um dramatische Fernsehbeiträge zu produzieren, und was die Jenenser jetzt unternehmen sollten.Foto: Daniel Hofmann Nachdem die Terrorzelle aufgedeckt wurde, wurden in Jena recht schnell mehrere Veranstaltungen, zum Beispiel ein großes Rockkonzert, organisiert. Wie ist dieses zügige Vorgehen der Initiatoren zu werten? Da tut sich dann ein ganzer Dornbusch auf mit heiklen und schmerzhaften Fragen und Antworten. Wie kommt sowas zustande? Was hat mich als Jenaer bewogen, so wütend zu werden? Denn ich gehöre zu den Unterzeichnern des Protestes. Was hat die Veranstalter dazu geführt, so ein riesiges Konzert zu organisieren? Solche Diskussionen gibt es auch mit Recht, und man sollte die unterschiedlichen Sichtweisen zulassen. Das haben wir lange Zeit nicht getan. Es gibt Auffassungen wie: Das ist ja nur Verantwortungsabwehr, indem wir uns als die Guten darstellen. Das Image unserer Stadt ist das Entscheidende und wir vergessen dabei vielleicht ganz andere Dinge. Was haben solche medialen Inszenierungen wie das Konzert oder die Podiumsdiskussion für Folgen? Ein gutes Beispiel sind die Lichterketten in München Anfang der neunziger Jahre. In den Monaten davor gab es Angriffe in Rostock, Lichtenhagen und Hoyerswerda auf Ausländerwohnheime. Und es gab die mit Morden verbundenen rechtsextremen Attacken in Mölln und Solingen. Ein Kollege aus der Medienwissenschaft hat statistische Vergleiche angestellt und geschaut, ob danach die fremdenfeindlichen Gewalttaten angestiegen oder zurückgegangen sind. Nach Rostock und Hoyerswerda stiegen sie an, nach Mölln und Solingen gingen sie zurück. Die Rechtsextremen sind zum Teil heute noch der Meinung, sie sind die Speerspitze einer schweigenden Mehrheit. Das ist ihnen in der die Berichterstattung über Rostock und Hoyerswerda auch vermittelt worden. Der Spiegel hat einem jungen Mann in Rostock fünf Mark bezahlt, damit er den Hitlergruß zeigt, und das konnte man wunderbar ablichten. Außerdem ist hier nicht nur ein rechtsextremer Mob am Werk, sondern da gibt es die Bystanders, wie man in der Psychologie sagt, die danebenstehen und applaudieren. Nach Mölln und Solingen gab es die Lichterketten. Sie haben den Rechtsextremen gezeigt, dass es durchaus eine couragierte Mehrheit gibt, die sich gegen sie stellt. Das ist ein Hinweis darauf, dass solche medialen Inszenierungen zumindest für einen gewissen Moment eine positive Wirkung haben können. Können die aktuellen Ereignisse etwas ähnliches bewirken? Das Konzert kann diese positive Wirkung haben und man sollte es nicht schlechtreden. Es gibt Verbrüderungen über die Generationen hinweg und man stellt implizit fest: Es sind nicht nur die engagierten jungen Leute, sondern die alten Säcke sind auch dabei. Nicht nur, weil sie den Lindenberg mögen. Es entsteht ein Gefühl der Solidarität. Jetzt kommt es darauf an, wie man das praktisch umsetzt. Katharina König hat auf dem Podium gesagt, eigentlich müssten sich die 4.500 schämen, die die Petition unterschrieben haben und dann zum Großteil nicht zu der Gedenkveranstaltung für Opfer rechter Gewalt gegangen sind. Das ist aber ein normales Phänomen. Es gibt Hemmschwellen und situative Bedingungen, die es nicht möglich machen, dass ich mich auch noch auf die Straße stelle, weil ich vielleicht ein Seminar oder andere Dinge zu tun habe. Es gibt Leute, die sich in so einer Inszenierung solidarisch fühlen und eine kleinere Gruppe, die aktiv wird. Wie ist es mit dem Aspekte-Beitrag? Über die Wirkung des Beitrags kann man nur spekulieren. Ein großer Kritikpunkt ist berechtigterweise, dass die entscheidenden Statements, die am Image der Stadt rühren, aus dem Off kommen und nicht von Uhly. Auch bei anderen Aspekte-Sendungen kommen die entscheidenden Informationen aus dem Off. Der Protagonist gibt nur die Bildinformation dazu. Zum Beispiel: Ich bin in Jena. Bezüglich der Botschaft, die dieser Bericht eigentlich haben sollte, ist es handwerklich ganz schlecht gemacht. Wenn es um die Stilmittel geht: Zielen die Öffentlich-Rechtlichen auch verstärkt auf Emotionen und biedern sich damit dem Privatfernsehen an? Unsere und die nationalen Befunde generell zeigen, dass es eine Angleichung der privaten und öffentlich-rechtlichen Sender auf der Unterhaltungsstrecke gibt. Das hat etwas mit starker Emotionalisierung und Dramatisierung zu tun. Wir finden das nun auch auf der Ebene der Nachrichtenproduktion. In diesem Filmbeitrag sind solche Stilmittel ebenfalls eingesetzt worden, zum Beispiel ein starker Versuch, authentisch zu erscheinen, nämlich das Vor-Ort-Filmen. Diese Authentizität kann auch vergewaltigt werden. Als normaler Rezipient reflektiere ich nicht sofort, dass solche Bilder gestellt sein können. Da könnte man jetzt vermuten, es war wiederum handwerklich geschickt, denn die Aussage sollte sein: Du landest in Jena und empfindest sofort Angst vor dem rechtsextremen Mob. Dann kannst du nicht die schönen Fassaden filmen, sondern musst die braunen Ecken zeigen. Auch die Geschichte in sich ist nicht schlüssig. Steven Uhly kommt an und es soll ihm Angst vermittelt werden. Im Filmbeitrag gibt es aber kaum deutliche Hinweise darauf, dass Migranten unbedingt Angst empfinden müssen. Man hat den NPD-Aussteiger sagen lassen, hier muss man Angst haben. Aber der ist kein Augenzeuge, sondern äußert sich nur stellvertretend. Entspricht sowas noch dem journalistischen Qualitätsanspruch? Wenn ich eine Nachrichtensendung als Unterhaltungssendung gestalte, passt das nicht zueinander. Für gute Medienproduktion bleibt das entscheidende Kriterium die Botschaft. Sie entscheidet, in welchem Format ich sende. Format und Inhalt müssen kohärent sein und zueinander passen. Das funktioniert da eben nicht. Die Million, die diese aspekte-Sendung guckt, hat besondere sozial-demographische Beschaffenheiten. Da kann ich nicht simple Tricks nehmen, die in einer Unterhaltungssendung oder der Bild-Zeitung funktionieren, um eine durchaus anspruchsvolle Sendung, die meine Aufmerksamkeit erfordert, zu untermalen. Im Chat während der Podiumsdiskussion wurde die Frage gestellt, ob diese Runde auch ohne die Kettenreaktion nach dem Beitrag zustande gekommen wäre. Wäre das anders denkbar gewesen? Aktuell ist das ein Prozess, bei dem man nicht genau weiß, wo er hinläuft. Man kann es erst im Nachhinein interpretieren. Es gibt kleine Schlüsselereignisse – in der Medienwissenschaft heißen sie Key-Events –, die zum Teil zufällig sind. Dass Aspekte diesen handwerklich schlechten Beitrag gemacht hat, zum Beispiel. Dann wird die Diskussion erstmal in eine bestimmte Richtung getrieben. Insofern muss man im Nachgang sagen: Ist doch gut, dass dieser Bericht so gesendet wurde und dass danach diese Diskussion entbrannt ist. Wie lange können solche medialen Ereignisse wirken? Medienwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass solche Medienhypes in der Regel drei bis vier Wochen anhalten. Da berichten die Medien sehr intensiv und es gibt viele Publikumsreaktionen. Danach geht das zurück. Das Bundeskriminalamt wird weiter ermitteln und irgendwann hören wir vielleicht Zwischenergebnisse. Die Politiker werden sich nicht mehr so äußern müssen wie bisher. Der Regierungssprecher muss sich nicht mehr um das Image des Freistaates kümmern. Jetzt muss man versuchen, aus dem Hype Konsequenzen zu ziehen, die wiederum in unterschiedlichen Richtungen der Äste dieses Dornbusches gehen. Da haben die Polizei, die Politiker und auch wir Wissenschaftler Konsequenzen zu ziehen, ebenso wie die Initiativen und die Medienmacher. Ich würde mir wünschen, dass das der Anlass ist, sich grundsätzlich offener und ohne politische Machtspiele mit dem Thema auseinanderzusetzen. Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, in welche Richtung es sich wahrscheinlicher bewegen wird? Neigt der Mensch eher dazu, nach einer gewissen Zeit zu verdrängen? Bei solchen historisch und politisch sehr aufgeladenen Geschehnissen gibt es eine ganze Reihe von Befunden, dass die Mehrheit dazu neigt, es zu verdrängen. Dazu gehört nicht nur, dass man es in die tiefen Schächte seines Langzeitgedächtnisses packt, sondern auch, dass wir im Umgang miteinander solche Symbolhandlungen vollziehen und dann davon ausgehen, es hat sich jetzt erledigt. Wenn wir jetzt am laufenden Band Rockkonzerte veranstalten würden, dann hätten wir das eigentliche Ziel verfehlt. Man kann nicht Aktionen so planen, dass man zielgerichtet Wirkung erwarten kann. Es ist relativ offen. Das hat auch einen Vorteil: Es läuft nicht mehr in den bisherigen Bahnen. Man könnte auch sagen, es geht mir langsam auf den Geist, dass die OTZ ständig neue Erkenntnisse publiziert, die wir schon aus dem Fernsehen kennen. Ja, die tun das, um Marktanteile zu sichern. Auf der anderen Seite gibt es aber den sekundären Mehrwert. Sie halten das Thema im Bewusstsein der Bevölkerung. Das ist das Entscheidende. Dass es nicht beim Medienhype bleibt, sondern dass es langfristige Konsequenzen hat. Was hat mehr Möglichkeiten und Wirkung: Das Konzert, das die Massen erreicht, oder die Initiativen, die sich jetzt präsentieren und schon länger gegen rechts arbeiten? Bekommen diese durch die Medienereignisse vielleicht ein paar von den 45.000 Jenaer Bürgern ab? Ohne Weiteres nicht. Da müssen sich die Initiativen auch weiterhin kümmern. Die ersten Anti-Nazi-Demos waren auf dem Markt und da waren vielleicht 100 Leute dabei. Eigentlich haben sich nur durch die Initiativen zunehmend die Massen vergrößert. Beim Fest der Völker waren es ja 3000. Das ist kein Selbstläufer gewesen, sondern da haben die Aktionsbündnisse gerudert, um die Leute ranzuholen. Das muss auch weiter gemacht werden. Auf der anderen Seite haben die aktuellen Medienereignisse nochmal auf diese Initiativen aufmerksam gemacht und sie ermutigt.
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Ein ostdeutsches Städtlein schlägt zurück Von Maximilian Gertler Montag Abend, 5. Dezember 2011, 20 Uhr. Es war soweit. Der große Showdown konnte beginnen. Und so versammelten sich Jenas Schwergewichte aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft im Theaterhaus, um Christhard Läpple entgegenzutreten, dem Redaktionsleiter der Fernsehsendung, die es gewagt hatte, unser Jena in den braunen Schlamm zu ziehen. „Angstzone“, „kein Paradies für Menschen mit Migrationshintergrund“, all das war Jena nun für den Rest der Republik, Europa und der ganzen Welt. Ein echter Eklat, der Skandal des neuen Jahrtausends. Zumindest scheint das die Selbstwahrnehmung der Jenenser und Jenaer dieser Tage zu sein, die sich doch erst am Freitag zuvor bei Bier und Bratwurst von Udo Lindenberg und Peter Maffay beim Rock gegen Rechts unterhalten ließen – will heißen: gegen Nazis engagierten. So trieb es an besagtem Montagabend 500 Menschen zum Theater, wobei 300 von ihnen draußen bleiben mussten und so das Spektakel live auf der Großbildleinwand verfolgten. Was an diverse Fußballgroßevents erinnert, kam dieser Stimmung auch im Inneren des Theaters gleich: Erster Angriff von Läpple gegen das rebellische Städtlein, die Masse tobt erbost. Kurz darauf umgeht Stadt-Papa und Oberbürgermeister Schröter geschickt die Frage des Moderators und kontert stattdessen sofort in Läpples Richtung. Die 300 Jenaer Ultras auf dem Theaterplatz sind nicht mehr zu bremsen und grölen sich bei tosendem Applaus die Stimmen aus dem Hals. Wenn sich doch nur so viele Menschen in diesem August bei der Blockadedemo in Gera und der Mahnwache für die Opfer des Rechtsterrors den Nazis mit ihrer Stimme entgegengestellt hätten. Es ist offensichtlich leichter, gegen die Nestbeschmutzer von auswärts zu pöbeln, als sich selbst zu engagieren, damit das Nest sauber wird und bleibt. Trotz der befremdlichen Geräuschkulisse von außen verlief die Diskussion recht gesittet. Dass der Aspekte-Beitrag redaktionell schlecht und eindimensional ist, darin waren sich noch alle einig. Außer Herrn Läpple natürlich, der die Rolle des Bösewichts überzeugend spielte und nicht einsehen wollte, was Jenas Problem ist. Aber was ist das Problem? Ost-West-Klischees? Jena ist nicht rechts? Warum einen Münchner Schnösel ankarren, wenn es in Jena doch genügend Menschen mit Migrationshintergrund gibt, die von ihrer Sicht der Dinge hätten berichten können? Alles wurde angesprochen, aber in die Tiefe ging es nicht. Und so redeten die Protagonisten gute zwei Stunden aneinander vorbei, wenn auch sehr kurzweilig und unterhaltsam. Der Abend war gerettet, Chapeau.
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Wo im Film der Gott des Gemetzels zuhause ist Von Christian Fleige Noch stehen die Fassaden der antrainierten Großstadthöflichkeit.Foto: Szenenbild / Constantin Film Eine Wohnung ist ein „meist aus mehreren Räumen bestehender, nach außen abgeschlossener Bereich in einem Wohnhaus, der einem Einzelnen oder mehreren Personen als ständiger Aufenthalt dient.“ So steht es im Duden. Dort lassen sich jedoch auch Synonyme finden, die der Definition, die so unterkühlt wie eine Betonfassade daherkommt, ein wenig Wärme schenken: Refugium, Domizil oder Zuflucht. Begriffe, die verdeutlichen, dass die Wohnung Heim und Schutz ist. Der Filmemacher Roman Polanski kann mit diesem romantischen Sicherheitsmotiv, so scheint es, wenig anfangen: Die Wohnungen in seinen Filmen sind oftmals Monster. In „Repulsion“ (dt. „Ekel“, 1965) verliert die junge Carole in einem Londoner Stadtapartment allmählich den Verstand und tötet schließlich zwei Männer, die der jungen Frau auf ganz unterschiedliche Art zu nahe gekommen sind. Die perfekt inszenierte Wohnung ist dabei nicht nur Tatort, sondern auch Spiegelbild des figürlichen Verfalls: Risse tun sich auf, Hände grabschen aus weichen Wänden heraus nach dem Mädchen. Im Film „Rosemary’s Baby“ (dt. „Rosemaries Baby“, 1968) steht ebenfalls ein Apartment im Mittelpunkt, das das noch kinderlose Paar Rosemary und Guy Woodhouse trotz einer eindringlichen Warnung vor den Nachbarn durch die Vormieterin bezieht. Und auch Rosemarys Schwangerschaft steht unter keinem guten Stern: Sie wird mehr und mehr zur hilflosen Gefangenen der eigenen vier Wände, während das Böse in ihr wächst. Der Verweis auf die Wohnung als Austragungsort des filmischen Horrors findet sich bei einem weiteren Werk Polanskis schon im Titel: „Le locataire“ (dt. „Der Mieter“, 1976). Auch hier geht es um Wahnvorstellungen, um Selbstmord, und eine außerordentlich misstrauische Nachbarschaft. Die Wohnung verkommt in allen drei Filmen Polanskis zu einem Ort des fatalistischen Niedergangs. Dass die drei gelungenen filmischen Dekonstruktionen einer heimeligen Sicherheitsillusion, die mit etwas Wohlwollen alle dem Horror-Genre zugeschrieben werden können, auch als sogenannte Apartment-Trilogie bekannt sind, scheint nur billig. Schlachtfeld Wohnung Warum hier davon so ausgiebig die Rede ist? Auch Polanskis neuestes Werk „Carnage“ (dt. „Der Gott des Gemetzels“, 2011), eine Adaption des Theaterstücks „Le dieu du carnage“, geschrieben von der französischen Schriftstellerin Yasmina Reza, spielt fast ausschließlich in einem schickeren New Yorker Apartment. Es ist das Zuhause des Elternpaares Penelope und Michael Longstreet, gespielt von Jodie Foster und John C. Reilly. Zu Gast ist die Familie Cowan, oder besser gesagt deren Vorsteher Nancy und Alan, gespielt von Kate Winslet und Christoph Waltz. Mehr als diese vier äußerst unterschiedlichen, famos verkörperten Figuren bekommt der Zuschauer nicht zu sehen: Eine Wohnung, vier Personen, die ganzen, fast schon zu kurzen 80 Minuten lang. Der Anlass der Zusammenkunft ist ein äußerst brutaler: Der kleine Cowan hat den kleinen Longstreet ordentlich mit dem Stock malträtiert und ihm dabei zwei Zähne ausgeschlagen. Dass das Treffen der Eltern einen ganz ähnlichen Ausgang nehmen wird, lassen die zahlreichen Seitenhiebe ab der ersten Minute erahnen. Der entscheidende Katalysator ist dabei die Wohnung. Ihre Beschränktheit, so scheint es, hetzt die einzelnen Charaktere gegeneinander auf und treibt jeden einzelnen in eine Fülle an abstoßenden Offenbarungseiden. Das Aussetzen des Familienhamsters gehört dabei noch zu den harmloseren und humorvolleren Bekenntnissen. Mit fortschreitender Handlung und hinzufließendem Alkohol steigt der Druck in der Wohnung wie in einem Schnellkochtopf. Bünde lösen sich und das großartige, durch den überschaubaren Raum begünstigte famose Einstellungsspiel bringt ohne Pause teuflische Konstellationen hervor, in welchen sich die Anwesenden immer wieder aufs Neue an die Gurgel gehen. Frauen gegen Männer. Partnertausch. Last man standing. Das Apartment mutiert zu einem gesellschaftlichen Schlachtfeld, auf dem alle Werte abhanden kommen. Auch wenn die Handlung oftmals haarsträubend ist – „Carnage“ ist kein Horrorfilm und ist nur schwer mit den drei zuvor erwähnten Filmen zu vergleichen: kein Wahn, keine fantastischen, die Realität bedrohenden Bilder. Eine Konstante ist die negierte Funktion der Wohnung, welche im neusten, besonders sehenswerten Film Polanskis Schaubühne für die Häßlichkeiten des gegenwärtigen Menschen ist.
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„Betaville“ im Kulturbahnhof Von Janina Rottmann Eingehüllt von der radioaktiven Wolke sind Androiden erst auf den zweiten Blick zu erkennen.Foto: Theaterhaus Jena Es begann mit einem Krieg. In dessen Verlauf legte sich eine radioaktive Wolke um die Erde und machte sie so in großen Teilen unbewohnbar. Um zu überleben, muss die Menschheit den Mars besiedeln. Androiden, den Menschen nachgebildete Maschinen, werden ihnen dabei als Hilfe zur Seite gestellt. Diese sind lernfähig und unterscheiden sich bald weder in Intelligenz noch Aussehen von ihnen. Einzig ihre mangelnde Empathiefähigkeit hilft, sie zu erkennen.Obwohl auf der Erde verboten, leben viele von ihnen unerkannt unter den Menschen. Dies sind die Grundzüge in Ridley Scotts Sci-Fi-Kultfilm „Blade Runner“ aus dem Jahr 1982 sowie Philipp K. Dicks Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“. Das Schauspielerkollektiv „O-Team“ des Theaterhauses Jena erzählt unter der Regie von Jonas Zipf mit „Betaville“ eine neuartige Version dieser düsteren Endzeit-Geschichte. Das Besondere: Es handelt sich um ein Dunkeltheater – die Theaterversion des Klassikers wird in völliger Finsternis im Kellergewölbe des Kulturbahnhofes präsentiert. Eine Dame vom Blindenverein („Keine Angst, ich sehe genauso wenig wie Sie!“) führt die Gäste behutsam zum Platz, denn auch auf dem Weg dorthin ist es stockfinster. Sphärische Klänge aus einer futuristischen Zeit umhüllen die Besucher, dazwischen Nachrichtensequenzen aus „Blade Runner“. In das anfängliche Gekicher und Gewisper im Publikum beginnt jemand, von Betaville zu erzählen. Die Stadt wurde zum Zufluchtsort für Menschen, die eben nicht den Mars besiedeln wollen. Tiere und Pflanzen gelten hier als Relikte einer alten Zeit, die Verseuchungsgefahr in der schmutzigen Metropole ist allgegenwärtig. Eine der beiden Hauptpersonen ist Rick Deckard, ein Prämienjäger. Er kennt zu Beginn nur eine Wahrheit: Androiden aufgrund ihrer Minderwertigkeit zu vernichten. Der zweite Charakter, J.R. Isidore, ist ein liebenswerter Sonderling. Als eine neue Nachbarin in dem verfallenen Hochhaus einzieht, wird er zum ersten Mal seit langem mit der Aufgabe konfrontiert, die Bekanntschaft mit jemand zu schließen. Dabei hilft ihm durchaus mal ein Stück Margarine. Bald taucht bei beiden die Grundfrage aus Film und Buch auf: Wann ist der Mensch ein Mensch? Und was unterscheidet den Androiden noch von ihm? Die Schauspieler rasen im Wechsel zwischen den Figuren hin und her, keiner von ihnen spricht eine feste Rolle, was höchste Konzentration erfordert. Natalie Hünig, Benjamin Mährlein und Mathias Znidarec schweben während ihres flotten Zusammenspiels geräuschlos durch die Finsternis, mal erschreckend nah und dann wieder weit weg. Die Atmosphäre verdichtet sich von Minute zu Minute, die verschachtelte Geschichte rennt ihrem Ende entgegen. Plötzlich wird es hell, die Augen schmerzen. Nun umhüllt eine grüne Wolke den eigenen Körper. Im wabernden Nebel zeichnen sich gespenstisch die Umrisse der anderen Theatergäste ab, die nur Zentimeter entfernt ihr eigenes Betaville erlebt haben. Wann der Weg zurück in die Realität angetreten wird, bleibt jedem selbst überlassen. Denn niemand zeigt den Weg aus der Wolke, stattdessen überlässt man dem Zuschauer die Wahl, noch ein wenig im Dunst zu verweilen. In „Betaville“ überzeugen die Schauspieler trotz ihrer Unsichtbarkeit. Aber es ist die eigene Fantasie, die die Schauplätze und Personen kreiert. Aufregend ist, dass in der Dunkelheit wirklich nichts vom Geschehen abzulenken vermag. So kann sich der Illusion hingegeben werden, Seite an Seite mit Deckard und Isidore die eindringliche Zukunftsvision mitzuerleben.
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Auffällig unauffällig – Jenas rechte Szene aktuell Von Jan-Henrik Wiebe, Kay Abendroth, Johanne Bischoff Blick durch den Zaun in den Hof des Braunen Hauses.Foto: Jan-Henrik Wiebe Jena auf den Titelseiten. Jena in den Nachrichten. Jena ist, wie wir inzwischen wissen, die Geburtsstätte einer Terrorzelle, die jahrelang aus dem Untergrund morden konnte. Jetzt fragen sich einige, wie das kommen konnte. Der JG-Stadtmitte wird die Tür eingerannt, diesmal nicht von der sächsischen Polizei, sondern von zahlreichen Journalisten. Auch ein Teil der ZDF-Aspekte-Redaktion ist nach Jena gekommen, um sich mit dem deutsch-bengalischen Autor Steven Uhly aus München, der nicht so oft in den Osten der Bundesrepublik kommt, umzusehen. Der Beitrag stellt Jena als einen Ort der Angst dar, an dem sich Menschen mit Migrationshintergrund nicht frei bewegen können. Auch das Akrützel hat sich in Jena umgeschaut. „Optisch fallen die Neonazis kaum noch auf“, erzählt Thomas Grund, Streetworker aus Winzerla. Auch bei ihm geben sich Journalisten die Klinke in die Hand. Er erzählt von den neunziger Jahren, als beispielsweise Uwe Böhnhardt mit SS-Uniform durch Winzerla lief – heute kaum noch vorstellbar. Ihr Auftreten hat sich seit dieser Zeit deutlich gewandelt. Nur noch vereinzelt sind sie mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln zu sehen. Stattdessen tragen sie jetzt Marken wie Thor Steinar, Consdaple und Ansgar Aryan. Letztere kommt aus dem thüringischen Oberhof und wird ausschließlich in einschlägigen Läden der rechten Szene und über das Internet vertrieben: Mode von Nazis für Nazis. Entschlüsseln und enttarnen Zu ihren Zahlencodes gehören 88 für „Heil Hitler“, 18 für „Adolf Hitler“ und 28 für „Blood and Honour“, eine verbotene internationale Neonazi-Vereinigung. Die Zahlen stehen für die jeweiligen Buchstaben im Alphabet. Weit verbreitet auf Kleidungsstücken sind auch Runen oder Namen von SS-Divisionen. „Viel hat sich geändert“, fährt Streetworker Grund fort, vor allem die Jugendkulturen haben sich gewandelt. Sie seien vielfältiger geworden. Und: „Linke haben schon lange keine Probleme mehr, außer sie sind zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber das kann überall in Deutschland passieren.“ Er arbeitet auch mit Jugendlichen, die im rechten Sumpf zu versinken drohen. Diese wenden sich anfänglich meist mit alltäglichen Problemen wie Arbeitslosigkeit oder Drogen an ihn, danach – wenn eine Vertrauensbasis geschaffen wurde – werde die Ideologie thematisiert. Mit den gefestigten Kadern werde jedoch nicht gesprochen, beschreibt Grund seine Arbeit. Bei einem aufmerksamen Spaziergang durch die Stadt fallen schnell Schmierereien wie „FN Jena“ oder „FS Jena“ auf: kleine, sogenannte Stencils, wie sie in der Graffiti-Szene heißen. Mit einer Schablone sind sie schnell gesprüht, aber schwierig wieder wegzubekommen. Auch an Laternenpfählen und Mülltonnen sieht man ihre Spuren. Erst vor wenigen Wochen waren in Lobeda-West wieder mehrere Schablonen-Sprühereien zu sehen, die Deutschland in den Grenzen von 1937 zeigten und mit dem Spruch „Deutschland ist größer als die BRD“ versehen waren. Verantwortlich dafür ist offenbar das „Freie Netz“ (FN), welches daneben seine Internetadresse sprayte. Von langer Dauer war die Propaganda allerdings nicht. Unbekannte übersprühten sie und ein paar Tage später wurde die Wand neu gestrichen – in hellbraun. Das „Freie Netz“ ist eine relativ neue Organisation, die sich im Internet zusammenfindet und propagiert, Graffiti und Stencils sprayt sowie meist spontane Demonstrationen und Fackelmärsche organisiert. Das FN ist unter anderem in Jena, Kahla und Saalfeld vertreten. Die sogenannten Freien Kräfte organisieren sich aber auch über Bundesländergrenzen hinweg. Seit Ende Oktober ist es auf der Webseite jedoch still geworden. Mit dem FN Jena in Verbindung gebracht werden auch Ralf Wohlleben und André Kapke. Wohlleben war stellvertretender Landesvorsitzender und Pressesprecher der NPD Thüringen. Am Morgen des 24. November wurde Wohllebens Haus in Jena-Ost von der Polizei durchsucht. Festgenommen wurde er nicht. Gegenüber dem Thüringer Anzeiger gab er an, mit dem Neonazi-Trio Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt keinen Kontakt gehabt zu haben. Laut Katharina König, Landtagsabgeordnete der Partei Die Linke und selbst auch antifaschistisch engagiert, seien die beiden in Jena geborenen Neonazis Wohlleben und Kapke inzwischen nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten. Sie vermutet aber, dass die beiden weiterhin im Hintergrund agieren. Vor nicht allzu langer Zeit bewohnte Kapke das Braune Haus in Alt-Lobeda. Die Gartenparty ist vorbei Dort fanden bis August 2009 regelmäßig Kameradschaftsabende, Konzerte, Lagerfeuer und Schulungen statt. Versiegelt und geräumt wurde das Haus wegen Baufälligkeit und nicht genehmigter Bautätigkeiten. Seitdem darf das Braune Haus nicht mehr betreten werden. Sowohl Streetworker Grund als auch seine Kollegen aus Lobeda erzählen, dass die Versuche der Rechten , unpolitische Jugendliche auf der Straße anzuwerben, wesentlich weniger geworden seien. Über den Sommer stand ein Militärzelt aus NVA-Beständen im Garten, das inzwischen wieder abgebaut wurde. Neben einem Dixi-Klo im Garten stehen eine kreisförmige Bank um eine Feuerstelle und ein Fahnenmast, an dem eine schwarz-weiß-rote Flagge einsam im Wind weht. Diese Farben waren die offiziellen „Reichsfarben“ von 1933 bis 1945. Das Haus wurde im August 2002 durch einen Mietkauf-Vertrag von Maximilian Lemke übernommen und könnte damit im nächsten Jahr für einen symbolischen Euro sein Eigentum werden. Dann müssten die Rechten keine Miete mehr zahlen und könnten das gesparte Geld in die Renovierung stecken. Das Haus war Versammlungsort mehrerer Organisationen: Neben der NPD und deren Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ traf sich dort der „Nationale Widerstand Jena“. Letzterer war auch Mitglied im „Thüringer Heimatschutz“ (THS). Der Dachverband sei zwar nicht aufgelöst worden, aber fast alle seine ehemaligen Mitglieder seien jetzt im FN aktiv. Seitdem bekannt wurde, dass Tino Brandt aus Rudolstadt, der das Netzwerk mitaufbaute, ein V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes ist, wurden die Aktivitäten weniger und das FN gründete sich als eine Art Nachfolgeorganisation. Der Einfluss des THS reichte damals bis in die Burschenschaftsszene. Nachdem rechtsextreme Mitglieder von der Burschenschaft Jenensia ausgeschlossen wurden, gründeten diese die Normannia. Bei einer Veranstaltung stellten Mitglieder des THS den Saalschutz. Mit dabei waren André Kapke und Tino Brandt. Als das Verbindungshaus wiederholt Angriffen Unbekannter ausgesetzt war, kam die Kündigung des Vermieters. Bei den Wählern in Jena können die Rechten kaum noch punkten. Weniger als zwei Prozent wählten die NPD in Jena-Stadt bei der Landtagswahl 2009. Dies war das schlechteste Ergebnis der Rechten in ganz Thüringen. „Der Kreisverband Jena-Saale-Holzlandkreis umfasst circa 25 Mitglieder“, sagt der Pressesprecher der NPD-Thüringen, Patrick Wieschke. Laut Wischke distanziere sich die NDP von den Taten, die der Nazi-Terrorgruppe zugeschrieben werden, mit dem Hinweis, dass die drei nie parteipolitisch aktiv gewesen seien. „Das sind Berufskriminelle, die mit unserer politischen Linie überhaupt nichts gemein haben.“ Er selbst wurde 2002 vom Landgericht Mühlhausen zu einer Freiheitsstrafe von 2 Jahren und 9 Monaten wegen Anstiftung zu einem Anschlag auf einen türkischen Imbiss in Eisenach verurteilt. Kriminell auffällig wurden Neonazis auch in Jena. Zu dem aktuellen Fall der Böhnhardt-Zschäpe-Mundlos-Gruppe darf sich die Polizei nicht mehr äußern: „Befehl von oben“, sagt die Pressesprecherin Steffi Kopp. In einer offiziellen Statistik der Polizei wird aber deutlich, wie präsent die rechte Gewalt trotz sinkender Zahlen noch ist. Die Tabelle erfasst Straftaten in den Landkreisen Jena, Weimar, Weimarer Land und Saale-Holzland in einer gemeinsamen Statistik. So gab es im Jahr 2010 in acht Fällen Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung, im Jahr davor waren es noch 19. Auch die Zahlen der Propagandadelikte sind von 125 auf 82 zurückgegangen. Straftaten der Volksverhetzung sind hingegen nur leicht gesunken – von 18 auf 15. Jedoch wurde erst vor wenigen Wochen ein „junger Punk übel zusammengeschlagen. Der lag sechs Tage im Krankenhaus“, erzählt Katharina König. Schon im April dieses Jahres wurden zwei Vietnamesinnen von einer Frau in der Emil-Wölk-Straße angegriffen. Anwohner, die in der Nähe der Gaststätte Besie in Jena-Ost wohnen, berichten von Schlägereien, die regelmäßig vor dem Lokal stattfänden. Die Polizei zu rufen trauen sie sich nicht mehr. Zu viel Angst haben sie vor den Besuchern, die unübersehbar aus dem rechtsextremen Milieu kommen. Doch nicht nur hier seien Neonazis anzutreffen, auch in zwei, drei anderen Kneipen könnten sie ab und an in größeren Gruppen ihren Abend verbringen, weiß König. Angst vor Neonazis in Jena hat Konrad Erben nicht. Er war bis August 2011 Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen, ist jetzt bei der SPD und engagiert sich gegen rechts. Aufgewachsen ist er im Winzerla der neunziger Jahre als Kind mit dunkler Hautfarbe. Dort erlebte er das volle Programm: „Von Pöbeleien über tätliche Angriffe war das relativ breit gestreut. Aber das härteste war im Prinzip der Umgang an der Schillerschule in der zweiten Klasse.“ Die Schulleitung sei passiv geblieben, sodass ihm nichts anderes als ein Schulwechsel zur Waldorfschule übrig blieb. „Ich hatte überhaupt keine Ruhe mehr. Und das nur aufgrund der Hautfarbe.“ Doch in den letzten zehn Jahren hat sich seiner Ansicht nach vieles getan. Dafür macht er vor allem die Stärkung der Zivilgesellschaft verantwortlich und auch, „dass die radikalere linke Szene einfach so stark ist, dass die Rechten da kein Land mehr sehen.“ Arbeit im Fußballumfeld top Einen großen Anteil an einem weitgehend nazifreien Fußballstadion sieht König in der Arbeit des Fanprojektes des FC Carl Zeiss. „Zum einen ist das Fanprojekt richtig gut. Und auch die Horda-Azzuro ist einfach top“, lobt sie. „Und dann die Hintertor-Perspektive, die sich aus der Fußballfankultur heraus gegründet hat und ganz klar sagt ,Wir wollen explizit die rassistischen und antisemitischen Positionen im Fußball angehen‘.“ Ein spezifisches Problem mit Neonazis habe Jena nach Meinung von Konrad Erben nicht mehr. Was bleibt, ist der Alltagsrassismus. Dem stimmen auch die Streetworker aus Winzerla und Lobeda zu. Die Jugendlichen würden viel von ihren Eltern lernen und diese Äußerungen nicht hinterfragen. „56 Prozent der Thüringer sind der Meinung, dass Deutschland gefährlich überfremdet ist“, zitiert Katharina König den aktuellen Thüringen-Monitor von 2011. „Und wir haben in Thüringen circa zwei Prozent Ausländeranteil. Mir würde das Angst machen.“ Dennoch sind die Erfolge in Jena vorhanden und nicht zu übersehen. Ein engagierter Oberbürgermeister und viele Einwohner der Stadt machten dies möglich. Die Neonazis konnten mit der Zeit ihre Strukturen verbessern, jedoch nicht die Straße erobern. In Angst leben die von uns befragten Migranten und ausländischen Gaststudenten in Jena nicht, dennoch berichten ein paar, die schon länger hier wohnen, von wiederholtem Rassismus im Alltag.
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Ein Interview mit dem Gründer des Nazi-Ausstiegsprogramms Exit Das Gespräch führte Johanne Bischoff Bernd Wagner gründete vor mehr als 20 Jahren Exit, eine Inititative, die Nazis beim Ausstieg aus der Szene begleitet. Inzwischen sind mehr als 430 Austeiger betreut worden. Dabei sind die Schattierungen der Ideologie vielseitig: Vom klassischen Neonazi über Rechte aus der Rockerszene bis hin zu Nazisatanisten hat Wagner schon vielen geholfen. Mit Akrützel sprach Bernd Wagner über den Weg aus der Szene, die Konsistenz des „rechten Weltbildes“ und die gut gelungene T-Shirt-Aktion beim „Rock für Deutschland“.Foto: privat Wie ist Exit entstanden und was ist die Idee dahinter? Ich habe 1990 eine Abteilung als Kriminalpolizeioffizier beim Staatsschutz übernommen. In meiner Arbeit habe ich einige Personen aus der Naziszene kennengelernt. Die hatten Straftaten begangen und wurden dafür verurteilt. Trotzdem habe ich bei denen gesehen, dass das nicht der Endpunkt ihres Lebens war. Einige haben signalisiert, dass sie die Szene verlassen wollen, aber alleine nicht können. Die brauchten Unterstützung, angefangen bei jemandem, der ihnen zuhört. Das Wichtigste aber ist, dass sie sich mit ihrer verbrecherischen Ideologie auseinandergesetzt haben. So haben sie begriffen, dass ihr Weg ein falscher ist. Es ist dann sinnvoll, ihnen bei ihrem Neuanfang zu helfen. Ich bin später bei der Polizei ausgeschieden, habe dann im Bereich der Beratung in Sachen Rechtsextremismus gearbeitet und nebenbei Leute auf dem Weg aus der Szene begleitet. Im Jahr 2000 habe ich dann mit Ingo Hasselbach, einem ehemaligen Naziführer aus Berlin, die Initiative gegründet, um eine Systematik in die Arbeit zu bringen. Zweifelnde Neonazis sollten die Möglichkeit haben, den Schritt heraus zu gehen. Wie läuft ein Ausstiegsprozess in der Regel ab? Es beginnt damit, dass die Nazis Zweifel an der Ideologie haben oder sich für begangene Straftaten schämen. Dann rufen sie uns an. Wir bekommen aber auch E-Mails oder Briefe. Die kommen vorwiegend von Häftlingen aus dem Justizvollzug. Der persönliche Kontakt kommt recht schnell zu Stande und wir beginnen die Situation zu diagnostizieren, in der sie sich befinden. Dann geht es Schritt für Schritt weiter. Wie lange dauert der Ausstiegsprozess durchschnittlich? Das hängt davon ab, in welchen Gruppen und Netzwerken sie aktiv sind, welcher ideologischen Richtung sie angehören. Für Leute, die eine hohe Position inne haben, ist es besonders schwer. Die stehen dann lange auf der Verfolgungsliste der Nazis.Aber gerade Jüngere können es in weniger als einem Jahr schaffen. Neben diesen zwei Formen begleiten wir noch eine dritte: Aussteiger, die über lange Jahre im Gefängnis sitzen. Momentan betreuen wir auch sogenannte Gesinnungsmörder. Sie arbeiten an sich, empfinden Scham und Reue. Mit ihnen halten wir brieflich Kontakt und besuchen sie auch gelegentlich. Wie werden die Aussteiger in Ihre Arbeit gegen Rechts eingebunden? Aktuell haben wir vor, mit Thüringer Ex-Nazis an die Öffentlichkeit zu gehen. Dabei stehen wir oft vor dem Problem, dass Leute nicht glauben, dass sie sich wirklich geändert haben. Bevor wir mit Aussteigern an die Öffentlichkeit gehen, sind wir uns wirklich sicher, dass sie es ernst meinen. Was ist das Wichtigere bei Ihrer Arbeit – die Auseinandersetzung mit der Ideologie oder das Arbeiten am alltäglichen Leben? Im Zentrum steht das Durchbrechen des ideologischen Konstrukts. Das Entscheidende beim Ausstieg ist nicht, dass man sich neue Freunde sucht. Das ist auch wichtig. Der Ansatz aber besteht darin, die innere Persönlichkeit anzusprechen, denn die Gruppenzugehörigkeit und ihre Taten hängen meist an den ideologischen Vorstellungen. Darum steht diese Auseinandersetzung für uns im Fokus. Das „rechte Weltbild“ scheint in sich sehr konsistent zu sein. Ist es schwierig, den Knackpunkt zu finden? Es wird oft gesagt, das sei irrationaler Mist und eine Verbrecherideologie. Als negative Qualitätsbeschreibung trifft das auch zu, aber es ist trotzdem eine in sich logische Beschreibung der Welt. Deswegen muss man in die Ideologie hineinkriechen, um das Konstrukt zum Einsturz zu bringen. Manchmal muss man den Ekel überwinden. Wie gehen Sie mit Straftaten um, die Ihnen von Aussteigern anvertraut werden? Das hängt von der Straftat ab. Wenn uns einer erzählt, dass er vor zehn Monaten in irgendeiner Disko den Hitlergruß gemacht hat, müssen wir das nicht anzeigen. Das hat dann auch nicht viel Sinn. Derjenige hat ja schon den Schluss gezogen, dass das falsch war. Bei schweren Straftaten, wo Waffen oder Sprengstoff verwendet wurden, oder schweren Körperverletzungsdelikten ist das anders. Wir sprechen mit den Leuten, sodass sie ihre Taten vor der Staatsanwaltschaft bekennen. Sie sollen die Konsequenzen tragen, um sich nach der empfangenen Strafe eine gute Startposition zu verschaffen. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie instrumentalisiert werden? Wenn jemand vor Gericht sagt, dass er bei Exit Hilfe gesucht hat, fällt seine Strafe unter Umständen weniger schwer aus. Das haben wir auch schon erlebt. Wenn wir das mitkriegen – und wir sind durchaus gewitzt – intervenieren wir sofort. Wir haben einige Bremsen eingebaut. Wie hoch ist die Rückfallquote? Es gibt einige wenige, die in die Szene zurückkehren. Andere werden wieder straffällig. Wenn wir merken, dass die Leute Rückbezüge zur Szene entwickeln, brechen wir die Arbeit ab. In diesem Punkt sind wir sehr streng. Wir führen dann sehr intensive Gespräche. Danach beenden entweder wir die Arbeit oder sie gehen von selbst. Die diesjährige T-Shirt-Aktion beim „Rock für Deutschland“ hat für große Aufmerksamkeit gesorgt. Hat sie Ausstiegswillige zu Ihnen gebracht oder stand von vornherein die öffentliche Wirkung im Fokus? Wir haben uns gar nicht eingebildet damit auf den Ausstiegsknopf zu drücken. Es ging um die Aktion selbst. Wir wollten im Veranstaltungsraum mit unserer Kritik auftreten. Darum hatten wir den Trojaner-Gedanken. Das hat die Veranstalter des „Rock für Deutschland“ schwer getroffen. Unsere Botschaft stand unübersehbar im Raum.
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Das Rätsel der richtigen Konfrontation Von Christian Fleige Dieser Tage scheint angesichts der Verbrechen des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds, kurz NSU, alles ganz einfach. Ob der unwirklichen Narrenfreiheit, die Täter und Unterstützer genossen, lässt sich nun kinderleicht gegen Dienste und Behörden wettern. Der obligatorische Ruf nach einem NPD-Verbotsverfahren kommt ganz entspannt über die Lippen, ist durch die nun wohl aufgeklärten „Döner-Morde“ wieder en vogue. Das Unwort des Jahres? „Döner-Morde“, logisch. Aber? Nein, zunächst einmal kein Aber. Mühelos lässt sich herausposaunen, dass die Extremismusklausel ordentlich daneben greift. Dass nicht jeder Antifaschist automatisch ein Krimineller ist. Dass die Zahl der Bundesregierung von 48 Todesopfern durch rechte Gewalt eine Farce ist. Richtig easy haben es auch die Medien. Linker Terror, RAF. Rechter Terror, BAF. Der Spiegel erzählt seinen Lesern lässig die Geschichte von der Böhnhardt-Mundlos-Zschäpe-Bande, der Braunen Armee Fraktion. Es gibt also klare Grenzen, innerhalb derer man sich bequem gegen rechts positionieren kann. Alles scheint in bester Ordnung. Aber! Im Alltag geht diese Heimeligkeit verschütt. Fragen verdrängen hier die einfachen Aussagen. Sie überfordern, versetzen in Schockstarre: Wie verhalte ich mich, wenn der Hausmeister, den ich spät abends zu Hilfe gerufen habe, ein „T-Hemd“ von Thor Steinar trägt? Ist er überhaupt ein Rechter? Beginne ich eine Diskussion? Auschwitz ist wahr! Nein! Doch! Nein! Sein Unentschieden ist meine Niederlage, die Wahrheit ein Konstrukt. Klingle ich daraufhin als Geschlagener bei der Hausverwaltung durch und schwärze ihn an? Fordere ich einen neuen Hausmeister mit einer ordentlichen Gesinnung? Geht das überhaupt? Wird der Typ in der Arbeitslosigkeit nicht erst recht extrem? Krieg’ ich auf die Fresse? Was will ich riskieren, was erreichen? Und da sind ja auch noch die wenigen, aber vorhandenen rechtsradikalen Kommilitoninnen und Kommilitonen in Seminaren und Bibliotheken. Bewerfe ich sie mit Saul Friedländer? Erst fliegt „Die Jahre der Verfolgung“, dann „Die Jahre der Vernichtung“. Ignoriere ich sie, weil sie ignorant sind? Oder baue ich mich vor ihnen auf und krakeele „Nazis raus!“, ohne genau zu wissen, wo dieses ominöse Raus eigentlich liegt und was sie da sollen? Mache ich mich lächerlich? Hilft mir jemand? Gibt es Antworten? Frank-Walter Steinmeier von der SPD hat sich an einer Antwort versucht und ist auf diese Warnung gekommen: „Nazis haben überall dort eine Chance, wo man sie gewähren lässt.“ Klingt gut, aber was bedeutet „nicht gewähren lassen“? Ist dazu auch ein aussichtsloser Faustkampf in der Goethe-Galerie vonnöten? Ich brauche Antworten, verdammt, keine weiteren Rätsel!
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Albrecht Schröter über die palästinensische Partnerstadt Beit Jala Das Gespräch führten Kay Abendroth und Maria Hoffmann Träumt von Völkerverständigung: Jenas OberbürgermeisterFoto: Daniel Hofmann Seit dem 20. September 2011 hat Jena offiziell eine weitere Partnerstadt, um internationale Beziehungen zu pflegen: das palästinensische Beit Jala. Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter hat den Kontakt zusammen mit anderen stadtbekannten Gruppen durch mehrere Reisen bereits während seiner Zeit als Pfarrer aufgebaut. Das Akrützel sprach mit ihm über den langen Weg zur Partnerschaft, Friedensbemühungen und die Begegnungen zweier unsicherer Völker. Wie ist die Beziehung zu Beit Jala entstanden? Im Jahr 1995, bei der zweiten Reise, sind wir auch nach Beit Jala gekommen, um uns dort über die Situation palästinensischer Christen und der Palästinenser insgesamt zu informieren. Nach der Reise ist der Beit-Jala-Freundeskreis entstanden, der die Verbindung gehalten hat durch den Verkauf von Schnitzwaren und die finanzielle Unterstützung eines Jungen aus dem dortigen Kinderheim. Seitdem bin ich öfter dort gewesen. Relativ spät habe ich erfahren, dass unsere französische Partnerstadt Aubervilliers auch Partnerstadt von Beit Jala ist. So lag es nahe, 2008 eine trilaterale Beziehung herzustellen. Wir haben dann im letzten Jahr ein französisch-deutsch-palästinensisches Kulturfestival in Beit Jala organisiert. In dieser ganzen Zeit ist viel passiert an Austausch und der Bürgermeister war zweimal in Jena. Es hat lange gedauert, bis es offiziell wurde. Welche Gründe hatte das? Es ist wie im wahren Leben. Man kann jemanden toll finden, sich in ihn verlieben und nach drei Tagen heiraten. Man kann auch nach dem ersten Kontakt erstmal sehen, wie es miteinander geht. Dann verlobt man sich irgendwann und später heiratet man. Diese drei Stufen sehe ich auch bei den Städtepartnerschaften als notwendig an: Nach einer Kennenlernphase tritt man in eine Art Verlobungsphase ein. Das war 2008 der Fall, als wir eine Kooperationsvereinbarung zwischen Aubervilliers, Beit Jala und uns unterschrieben haben. Diesen Vertrag haben wir mit Leben erfüllt und daraus hat sich der Partnerschaftsvertrag entwickelt – als Eheschließung sozusagen. Ich habe auch mit anderen palästinensischen Städten guten Kontakt, aber das war die erste Liebe. Es soll noch eine israelische Stadt hinzukommen. Bestehen da auch schon länger Kontakte? Wir sind ganz intensiv am Suchen, das ist mir auch wirklich ein Herzensanliegen. Wir suchen allerdings mit Aubervilliers zusammen, weil es unser Traum ist – und das wäre, glaube ich, etwas ganz Einzigartiges – eine vierseitige Partnerschaft zu haben, wo zwei europäische mit zwei Partnern aus Nahost zusammenarbeiten. Da sind wir noch in Gesprächen. Wie wird die palästinensische Seite bei der Auswahl mit einbezogen? Die palästinensischen Partner wissen von diesem Vorhaben. Sie gehen grundsätzlich mit, aber die palästinensische Seite ist aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Besatzungspolitik der Meinung, dass man eine Stadt finden muss, die sich ganz für Frieden einsetzt, und die sich auch von Handlungen distanziert, die die Menschenwürde der Palästinenser verletzen. Kann eine zusätzliche Partnerschaft mit einer israelischen Stadt ein Baustein für den Friedensprozess sein? Ich bin ein sehr überzeugter Kommunalpolitiker und hier in Deutschland ja auch im Präsidium des Städtetages. Mir liegt die Zusammenarbeit der Kommunen sehr am Herzen. Und mein Ziel ist, dass auch auf der Ebene der menschlichen Begegnungen und der Zusammenarbeit von Kommunen tatsächlich etwas getan wird, was den Friedensprozess unterstützt. Man muss allerdings wissen, dass die Situation vor Ort nicht einfach ist. Es ist zum Beispiel jüdischen Israeli nicht erlaubt, ins Palästinensergebiet zu reisen. Das erschwert im Augenblick direkte Kontakte. Israel befürchtet Kidnapping. Nach den Erfahrungen mit dem Soldaten Gilad Schalit ist das auch verständlich. Ein jüdischer Israeli, der sich traut, ins Palästinensergebiet zu reisen, muss 5.000 Schekel Strafe zahlen. Das sind ungefähr 1.000 Euro. Als ich das letzte Mal in Beit Jala war, kurz vor der Rede von Abbas bei der UNO, gab es ein Friedensmeeting, an dem sich etwa 150 Israeli beteiligt haben. Die sind einfach über die Grenze gekommen – illegal. Das finde ich mutig. Es war bewegend zu sehen, dass sich die Palästinenser und die Israeli wie Freunde begegnet sind. Das heißt, dass die Abgrenzungspolitik, die von der Regierung Netanjahu betrieben wird, offensichtlich nicht von allen Menschen mitgetragen wird. Das gibt mir Hoffnung. Beim Festakt in Beit Jala soll es eine Schweigeminute für Märtyrer gegeben haben, wozu auch Selbstmordattentäter zählen sollen. Können Sie diese Situation beschreiben? Die war unangekündigt und völlig überraschend für mich. Und sie hat mich auch nicht sonderlich erfreut. Ich habe Verständnis dafür, dass man an Menschen denkt, die Opfer von Gewalt geworden sind. Aber eine solche Schweigeminute ist politisch schwierig, weil sich in diesem Märtyrerspektrum offensichtlich auch Menschen befinden, von denen Gewalt ausgegangen ist. Und das kann ich nicht akzeptieren. Sie müssen sich vorstellen, die Zeremonie beginnt, und plötzlich sagt der Gouverneur: „Und jetzt erheben wir uns für …“ Ich wusste im ersten Moment gar nicht, worum es geht, weil noch im Aufstehen übersetzt worden ist. Ich konnte mich eigentlich nur im Nachhinein davon distanzieren. Aber man muss auch sagen, dass das weniger eine Sache der Partnerstadt Beit Jala war. Ich glaube, es war der Gouverneur, ein hoher Vertreter der Fatah, der dazu aufgerufen hat. Gibt es außer gegenseitigen Besuchen andere Formen der Unterstützung? Was verspricht sich die palästinensische Seite von einer solchen Partnerschaft? Es beginnt mit der schlichten Tatsache, dass die Menschen sich dort natürlich isoliert fühlen. Es ist sehr schwierig, auszureisen. Die Palästinenser können nicht über Tel Aviv ausreisen, sondern müssen sehr aufwendig, teuer, mit vielen Kontrollen und manchen Beschwerlichkeiten über den Jordan nach Amman fahren und von dort fliegen. Viele Menschen haben aber weder das Geld noch die Kontakte. Für die ist es zum Beispiel schon wichtig, dass man kommt. Das ist ein erster Punkt neben viele anderen wie Sport- und Kulturkontakten. Wir wollen Infrastrukturprojekte unterstützen und haben schon 10.000 Euro für den Ausbau einer öffentlichen Bibliothek gegeben. Es gibt in Jena einen Stadtratsbeschluss, der sagt, dass wir jedes Jahr 0,02 Prozent, das sind 50.000 Euro, für Partnerschaftskontakte und konkrete Projekte aufwenden. Als ich das letzte Mal in Beit Jala war, bin ich gefragt worden, ob man nicht ein Großprojekt mit europäischer Hilfe anschieben kann. Aus Ostjerusalem fließen pro Tag 35.000 Kubikmeter Abwasser völlig ungefiltert über den Kidronbach ins Tote Meer. Es gibt einen Zirkel von palästinensischen und israelischen Wasseringenieuren, die dort ein Klärwerk errichten möchten. Damit soll zumindest das Wasser als Brauchwasser aufbereitet werden. Das ist ein Projekt, bei dem ich im Augenblick nach Verbündeten suche. Mit Hilfe meines Freundes Matthias Platzeck und der Unterstützung von weiteren Institutionen will ich sehen, ob man Mittel der Europäischen Union dafür ermöglichen kann. Finden Sie es schade, dass Deutschland gegen die Mitgliedschaft Palästinas in der UN-Vollversammlung und der UNESCO gestimmt hat? Ja, ich finde es schade, weil Deutschland nicht konsequent bleibt. Deutschland hat selbst im Rahmen des Europarates und der Europäischen Union 2009 einer Resolution zugestimmt, die zeitnah eine Zwei-Staaten-Lösung fordert. Es ist ja nichts Sittenwidriges, was man da erwartet, sondern es ist das schlichte Recht, dass ein Volk sagt: „Wir möchten in diesen Grenzen selbstbestimmt und in Frieden mit unseren Nachbarn leben.“ Wenn Organisationen wie Hamas sich gegen Israel richten, kann das nicht akzeptiert werden. Aber wir haben gesehen, dass sogar Israel erfolgreich mit Hamas verhandelt. Ich bedaure die Ablehnung der Mitgliedschaft sehr, weil es nicht dem Frieden dient. Ich habe viele Freunde in Israel, die manchmal denken, dass es vielleicht gewollt ist, den Konflikt aufrecht zu erhalten, weil man auf diese Weise immer mehr Land nehmen kann. Manche sagen, es gehört vielleicht zum politischen Kalkül, immer einen äußeren Feind zu beschwören, damit man die internen Schwierigkeiten kittet.
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Poi: Vom künstlerischen Wirbeln mit Bändern Von Simon Herker Und immer schön Abstand haltenFoto: Daniel Hofmann Wenn der Jongleur seine Bälle für jedermann offensichtlich an einem Seil in der Hand hält, ist es nicht unbedingt Betrug am Zuschauer: Vielleicht ist es Poi. Das süße explosive Wort mit den drei Buchstaben bezeichnet sowohl Sportart, als auch Sportgerät. USV-Trainerin Sandra Rienow drückt mir einen halben Meter blaues Stoffband in die rechte Hand. Ein zweites Band legt sie mir in die linke. An den Enden ist je ein kleines Säckchen mit Reiskörnern eingenäht. Die Bänder hängen herunter, die Gewichte baumeln ein wenig. „Und jetzt in Kreisen nach hinten schwingen!“, dirigiert mich Sandra. Also kreise ich meine Handgelenke. Sofort wird der Impuls an die Stoffbänder weitergegeben. In einer Kreisbahn rauschen die Bänder an meinen Ohren vorbei. Plötzlich läuft es wie von allein: Zentrifugalkraft live und direkt aus meinen Händen. „Jetzt führe die Arme ausgestreckt vor dem Körper zusammen.“ Die Stoffbeulen klatschen aneinander, die Bänder hängen wieder herunter. Ich beginne von vorn. Poi hat erst vor wenigen Jahrzehnten seinen Weg von Neuseeland nach Europa gefunden. Es ist eine Mischung aus Jonglage und Tanz, bei der die Spieler zwei Poi in geometrischen Bahnen um sich wirbeln. Manche bezeichnen es als Sport, andere als Kunst. Die meisten Spieler verbindet eine Leidenschaft für Feuer. Wer sich sicher genug fühlt, tauscht bei Dunkelheit gerne Stoffband und Reis gegen Kette, Docht und Lampenöl. Das verspricht mehr Adrenalin, sowohl für den Performenden, als auch für den Zuschauer. Dank der Geschwindigkeit der brennenden Kettenenden können die Spieler Figuren darstellen, die für Momente in der Luft zu schweben scheinen. Bis die Poi dem Willen des Spielers folgen, braucht es viel Übung und Geduld. „Bei neuen Bewegungen ist zunächst ein gedankliches Grundverständnis vonnöten“, erklärt Sandra. Danach helfe der Kopf allerdings nicht weiter: „Die Gedanken sind langsamer, als die Poi schwingen.“ Nach viel Übung platze der Knoten irgendwann und die Bewegungen seien verinnerlicht. Die Verbindung von Geist und Körper und das Ziel der inneren Einkehr treiben viele Spieler an. „Der Lebenstraum eines Poi-Spielers“, erzählt Sandra, „ist der Flow – das Spielen ohne Unterbrechung, ohne Nachdenken. Das Hineinfallen in den Raum und die eigenen Bewegungen.“ Von diesem Flow sind die neuen Kursteilnehmer noch weit entfernt. Ganz allmählich lassen erste Erfolge den Muskelkater in den Armen vergessen. Antrieb gibt es genug: Das Kursziel ist eine gemeinsame Choreografie für den Auftritt auf dem USV-Tanzfest am 18. Januar. Bis dahin könnte es Kunst geworden sein.
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Ausstellung in Weimar über die Folgen des 11. September Von Daniel Hofmann Shahab Fatouchis „Zero Anaphora“: Libellen sind Insekten, die selbst ihre eigene Art angreifen.Foto: Daniel Hofmann Zwei Türme fallen und mit ihnen ein Weltbild. Als das World Trade Center von zwei Flugzeugen getroffen wurde, veränderte sich nicht nur in den USA das Leben. Um das Gefühl von Hilflosigkeit zu bekämpfen, wurden in der ganzen Welt Kontrollen verschärft, Gesetze verabschiedet und Menschen eingesperrt. In der Ausstellung „Changes“ in der ACC Galerie Weimar widmen sich neun internationale Künstler dieser Situation. Dabei steht nicht der Anschlag im Vordergrund oder darauf folgende Kurzschlussreaktionen der Regierungen, sondern die Frage, wie sich Gesellschaft und Kunst verändert haben. Altöl und Bomben So vermischt Christoph Faulhaber Politik und Kunst, indem er Porträts von sechs Uiguren ausstellt, einer ethnischen Minderheit, die zum großen Teil im Westen Chinas lebt. Die Männer wurden mehr als sieben Jahre unschuldig in Guantánamo festgehalten. Nach ihrer Freilassung erklärte sich jedoch kein Staat bereit, ihnen Asyl zu gewähren – auch Deutschland mit der größten uigurischen Gemeinschaft in Europa war nicht dazu bereit. Der kleine pazifische Inselstaat Palau nahm sie schließlich auf. Sie waren zwar freie Menschen, aber dennoch gefangen in einer fremden Kultur. Christoph Faulhaber verdeutlicht mit den Porträts – die er in China zeichnen ließ – die Absurdität der internationalen Sicherheitspolitik. Die Fotografin Nina Berman aus den USA befasst sich direkt mit der amerikanischen Kriegsmaschinerie und ihren Opfern im eigenen Land. In der Serie „Purple Hearts“ fotografierte sie verwundete und verkrüppelte Soldaten nach ihrer Rückkehr. Die Bilder zeigen Menschen, die nicht nur körperlich gezeichnet sind: Ein Mann mit Beinprothese sitzt allein auf seinem Bett. Das Gesicht vergräbt er in seinen Händen. Solche intimen Momentaufnahmen der Hoffnungslosigkeit lassen keinen Raum für Patriotismus. Neben Zeichnungen oder Fotografien nutzen die Künstler weitere Mittel, um mit dem Betrachter zu kommunizieren. Harun Farocki aus Deutschland weist mit seinen Videoinstallationen auf die Gefahr des elektronischen Auges hin. Raketen werden mit Kameras ausgestattet, damit die Zielführung noch präziser wird. Was dann in den Medien zu sehen ist, gleicht einem Videospiel. Das Töten wird leichter, wenn Realität und virtuelle Welt ineinander verschwimmen. Der Niederländer Helmut Smits geht einen anderen Weg, um die Thematik greifbar zu machen. Er braucht dafür lediglich eine Cola-Flasche. Die schwarze Flüssigkeit ist in diesem Fall jedoch keine koffeinhaltige Garantie für Karies, sondern ein Liter Altöl. Vier Sekunden Langeweile Nicht nur die Auswirkungen des 11. Septembers werden thematisiert, auch der entscheidende Moment selbst ist ein Teil der Ausstellung. Wolfgang Staehle wollte ursprünglich die mediale Welt und ihre Sucht nach ständig neuen Bildern kritisieren. Dafür installierte er Webcams auf der ganzen Welt, die alle vier Sekunden ereignislose Panoramaaufnahmen schossen und sie direkt in eine Galerie sendeten. Eine Kamera war auf die Skyline New Yorks gerichtet und machte ein Bild kurz vor dem Einschlag des ersten Flugzeuges ins World Trade Center. Mit dieser Aufnahme wurde Staehle Teil dessen, was er kritisierte. „Changes“ bietet viele unterschiedliche Interpretationen, wie die Welt aus der Vergangenheit lernen kann. Auch der Besucher wird mit der Frage konfrontiert, was ihm seine Freiheit wert ist und was er bereit ist, zu opfern. Die Ausstellung ist noch bis zum 8. Januar in der ACC Galerie Weimar zu sehen. Danach lassen sich die Folgen der Anschläge wieder gemütlich von zuhause aus über Fernseher und Internet verfolgen.
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Das vermeintlich gute Gewissen liegt nicht immer auf der Straße Von Maria Hoffmann und Maximilian Gertler Und siehe, da war einer, der kam auf einem Fahrrad daher. Gut sichtbar schrieb er seine Botschaften in großen Lettern auf Tafeln und stellte sich auf den weiten Platz. Er sprach zu den Menschen mit großen Gebärden und lauter Stimme. Da runzelten sie die Stirn und gingen ihres Weges. Aber wer doch stehen blieb wurde bedacht mit Worten und Weissagungen alter Art. Einige nahmen sich der Botschaften an, andere verspotteten ihn. So trug es sich zu. Alle Tage und Sisyphos gleich, wurde er nicht müde zu predigen. Der Mann mit dem voll beladenen Fahrrad steht oft auf dem Campus und wird den meisten Studenten zumindest von Weitem bereits aufgefallen sein. „Jesus rettet!“ verkündet ein Schild, das stets an seinem Fahrrad befestigt ist. Offensiv und mit lauten Predigten versucht er, zu den Passanten durchzudringen. Ob es ihm mit seiner Art gelingt, ist fraglich. Die Meisten mustern ihn mit Argwohn. Seine Botschaft über Jesus und das Christentum ist dabei nicht die leichteste Kost. „Diese Methode ist heute doch eher ungeeignet. Davon halte ich nicht viel“, sagt Uwe Kaul von der Jenaer Pfingstgemeinde. Er hat den christlichen Kollegen beobachtet und ist schon mit ihm ins Gespräch gekommen. „Wenn er dann anfängt und Gedichte rezitiert, wirkt das irgendwie unecht.“ Die Menschen seien heutzutage an Authentizität interessiert und würden sich davon wahrscheinlich mehr abgestoßen fühlen, als dass die Botschaft Jesu sie erreiche. Kaul ist Pastor und baut einige Male im Jahr seinen Stand in der Jenaer Innenstadt auf. Auch an manchen Herbsttagen steht er hier vier bis fünf Stunden. Er hat sich dafür den hinteren Eingang zur Goethe-Galerie ausgesucht. „Hier ist es etwas ruhiger und die Leute nehmen sich eher Zeit für ein Gespräch“, erzählt er. Der Tisch der Pfingstgemeinde liegt voll mit Prospekten, Büchern und DVDs: „Alles kostenlos zum Mitnehmen.“ Auf der bunt gemusterten Tischdecke finden sich Jugendzeitschriften mit Themen, die ihnen einen modernen Anstrich geben sollen, Drucksachen, die Fragen aufwerfen wie: „Heilt Gott heute noch?“ und sich mit dem Fußballgott auseinandersetzen. Von sich aus würde Kaul niemanden einfach so ansprechen, der an seinem Stand vorbeigeht. „Der erste Kontakt geht eigentlich von den Passanten aus“, erklärt er seine eher passive Art, die christliche Botschaft zu verbreiten. Als Missionar würde er sich auf keinen Fall verstehen, vielmehr als engagierter Christ, der am täglichen Leben der Menschen interessiert ist. Ob das tägliche Leben der Jenaer nicht bloß an ihm vorbeizieht, bleibt fraglich. Der Andrang sei recht unterschiedlich, aber die Massen reißen ihm seine Prospekte natürlich nicht vom Tisch, sagt er. In gemütlicher Runde, bei Bier und grünem Tee, trifft sich einmal pro Woche der studentische Bibelstammtisch, organisiert von der Gruppe Connexxion. Auch Nicht-Christen sind eingeladen, die Bibel zu diskutieren. „Unser Hauptanliegen ist der Dialog mit den Studierenden, egal ob gläubig oder nicht. Wir wollen die Bibel auch selber prüfen und kritische Fragen an den Text stellen“, sagt Thomas, der diesen Stammtisch als ein Angebot für Bibelinteressierte begreift. So wird mit einer Fragerunde über wahre Reue gestartet und über den raubeinigen Täufer Johannes gesprochen, der die Pharisäer im Feuer brennen sehen wollte. Wirklich missioniert wird hier nicht. „Ohne eigene Erfahrung kann man sowieso niemanden vollends überzeugen“, meint Antje, Leiterin des Stammtisches. Das solle nicht heißen, jeder müsse ein Gotteserlebnis gehabt haben. Aber die innere Einstellung sei es, die den Glauben ausmacht. Obwohl sie, wie sie sagen, niemandem etwas aufdrängen wollen, zeigen sich die Stammtischteilnehmer überzeugungsfreudig. Nach dem offiziellen Schluss der Runde argumentieren sie mit allerlei modernen Gleichnissen für die Existenz eines christlichen Gottes. Da sie daran fest glauben, bleibt die Diskussion letztendlich eher einseitig. Offenheit für Nicht-Gläubige ja, aber diese findet, wenn, dann nur in eine Richtung statt. Missionieren: Impossible Missionieren im Sinne des unbedingten Verbreitungswillens scheint den religiösen Gruppen an der Uni fernzuliegen. Sabine Nagel, Studierendenpfarrerin der FSU, sieht das ähnlich: „Der Inhalt der christlichen Botschaft und die Methoden der Verkündung müssen sich entsprechen.“ Manipulation und die Verbreitung des Glaubens mit Druck ließen sich mit der Lebenspraxis Jesu einfach nicht vereinbaren. „Das sehe ich nicht nur mit Blick auf die Geschichte der Christenheit so“, fügt sie dem hinzu. Mit öffentlichen Predigern und Schilder tragenden Botschaftern kann Nagel nichts anfangen. Sie empfindet dieses Verhalten als bedrängend und sieht die „Achtung der Würde des Anderen“ in Gefahr. Dennoch sei Öffentlichkeitsarbeit wichtig. „Werbung im üblichen Sinn, Veröffentlichung der Angebote und Inhalte, finde ich angesichts der Fülle an Angeboten auch notwendig.“ Interessierte sollen zugreifen können, um den ersten Schritt von sich aus zu machen. Allerdings plädiert Nagel dafür, dass niemand die sprichwörtliche Katze im Sack angeboten bekommt: „Es sollte drin sein, was drauf steht. Kein locker-flapsiges Etikett mit engem Inhalt.“ Es hat mehr den Anschein, als verstünden sich die Religionen zunehmend als offene Angebote, die die Freiheitsliebe unserer Gesellschaft nicht einschränken möchten und befürchten, für zu starke Präsenz abgestraft zu werden. Auf keinen Fall möchten sie mit aufdringlichen Türklinglern oder lauten Missionaren in Verbindung gebracht werden. Eine noch relativ junge Religion nimmt sich diesem Prinzip besonders an. Die Bahai, zurückgehend auf die Schriften ihres Religionsgründers Baha‘u‘llah, entstand im 19. Jahrhundert. In Jena umfasst die Gemeinschaft im Moment neun Mitglieder. „Vor fünf bis sechs Jahren waren es noch über 20 Bahai“, erläutert Tobias Vetter, Vorsitzender der Hochschulgruppe. Dass es so wenige sind, hänge auch mit der Fluktuation am Uni-Standort zusammen. Allerdings setzen die Bahai auch wenig auf öffentlichkeitswirksame Methoden, um sich bekannt zu machen. Ihre Botschaften über die starke Akzeptanz der Wissenschaft und die Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen sollten unter sinnsuchenden Studenten auf fruchtbaren Boden fallen, könnte man meinen. Die Religion selbst hält nicht viel vom Missionieren. Den Glauben aufdringlich anpreisen oder von Tür zu Tür tragen würden Bahai vermeiden, heißt es. „Das ist in den Bahai-Schriften verboten und würde auch in den Gemeinden keinen Anklang finden“, meint Tobias. Wie steht es da um Öffentlichkeitsarbeit? Immerhin gebe es eine Internetseite, sagt er. Aber mit Tischen in die Innenstadt gestellt hätten sich die Bahai schon seit Jahren nicht mehr: „So ein Stand wirkt nur irgendwie aufgesetzt, dadurch, dass er das soziale Umfeld des Gemeindemitglieds verlässt.“ Denn den Bahai wird nahegelegt, lediglich in ihrem persönlichen Umfeld über die Religion zu sprechen. Kommt das Gespräch auf das Thema, erzählt Tobias über seinen Glauben. Wirklich öffentliche Auftritte seien da doch eher mit menschenrechtlichen Aufrufen verbunden, denn die Bahai werden im Iran beispielsweise noch immer unterdrückt. Moderner Ablasshandel Beim heutigen Überangebot an Botschaften, Weltanschauungen und Heilsversprechen und einem schwindenden Interesse an den beiden großen Kirchen könnten knackige Slogans vielleicht helfen, die gewünschte Aufmerksamkeit zu erzielen. Den Einsatz für Notleidende und Entrechtete in aller Welt haben im neuen Jahrtausend große Organisationen wie Amnesty International und das Rote Kreuz öffentlichkeitswirksam gestaltet. Sollen Botschaften heute Gehör finden, setzen viele Organisationen auf aufmerksamkeitserregende Methoden. NGOs wie Amnesty International, Unicef und Aktion Tier bauen ihre bunten Stände in deutsche Innenstädten auf und lassen sich von Personalagenturen meist extrovertierte Studenten zur Seite stellen. Im Kampf um Aufmerksamkeit für den vermeintlich guten Zweck arbeiten sie zehn Stunden täglich, sechs Tage am Stück, wie Ulrike, Jenaer Studentin, erzählt. Sie ist Fundraiserin und sammelt Spenden für Amnesty International. Wer neu anfängt, darf sich drei Wochen hintereinander die bunte Jacke anziehen und stets gut gelaunt auf Passanten zugehen. „Die Organisationen wollen herausfinden, ob man stetig mitmachen kann und nicht nur ein One-Hit-Wonder ist“, erklärt sie. Ulrike hat den Job zunächst angefangen, um sich im Sommer Geld dazuzuverdienen. Mittlerweile, so sagt sie, mache sie es auch einfach, weil es Spaß mache und sie etwas Gutes tue. Bevor sie ihren Einsatz auf der Straße beginnen konnte, hat Ulrike an einem mehrstufigen Auswahlverfahren teilgenommen, bei dem ihre kommunikativen Fähigkeiten getestet wurden. „Da wird einfach geguckt, ob man reden kann, eine gewisse Ausstrahlung hat, und ob man überhaupt der Typ dafür ist, Leute auf der Straße anzusprechen.“ Die Agentur, von der Ulrike schließlich eingestellt wurde, ist eine der marktführenden in Deutschland und heißt Dialog-direkt. Geschult werden die Fundraiser nicht nur inhaltlich von Mitgliedern der Organisation, sondern auch von Psychologen. „Dort wurde uns dann auch gesagt: Passt auf, bestimmte Wörter sagt ihr lieber nicht, denn die implizieren etwas Negatives bei den Passanten.“ Zu diesen Wörtern gehören zum Beispiel „kündigen“ oder „Vertrag“. Eine kommunikative Feinheit, an der lange geübt wird. Natürlich sei klar, dass es sich um einen Vertrag handle, wenn Spenden von den Vorübergehenden erbeten werden und sie ein entsprechendes Dokument unterzeichnen. Dennoch sei es wichtig klarzustellen, dass die Spender jederzeit die Möglichkeit hätten, ihr Spenderverhältnis aufzulösen oder rückgängig zu machen. „Es ist kein Unterschriftenhaschen, sondern vielmehr ein In-die-richtige-Richtung-Schubsen“, sagt Ulrike. Natürlich würden die Meisten einfach vorbei gehen, aber die, die stehen bleiben, seien auch davon überzeugt. Sich den Leuten in den Weg zu stellen, sei bei ihrer Agentur strengstens untersagt. Bei anderen Organisationen habe sie diese Methoden aber durchaus schon gesehen. Präsenz zeigen, in den Köpfen der Menschen bleiben, das seien die wichtigsten Dinge und darum würden diese Stände in den Einkaufsstraßen aufgebaut. Abseits der Tagesschau müsse weiter darauf aufmerksam gemacht werden, welche Dinge sich in der Welt zutragen. Dass es Flüchtlinge in 160 Ländern der Erde gebe und eben nicht nur das gerade aktuelle Einzelbeispiel kurz verfolgt werde. Ob die Organisationen noch mehr Spender über ihre Stände bekommen würden, wenn sie auf schockierende Plakate setzen würden, bezweifelt Ulrike: „Klar bringen solche Bilder Leute zum Stehenbleiben. Es ist aber nicht Sinn der Sache, dass die Leute spontan aus bloßem Mitleid, sondern dauerhaft mitmachen.“ Es gelte, die Botschaft dauerhaft in den Köpfen der Menschen zu verankern. Auf der modernen Suche nach dem Seelenheil scheinen irdische Heilsbringer effektiver Lösungen anzubieten. Kann man aber für Glauben überhaupt Werbung machen? Religion im neuen Jahrtausend ist und bleibt der private Weg zum guten Gewissen.
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Ein Gespräch darüber, wie man Gedanken verkauft Das Gespräch führte Maria Hoffmann Gianfranco Walsh lehrt an der FSU Allgemeine BWL und ist auf Marketing spezialisiert. Dabei forscht er zum Verhalten von Konsumenten und Dienstleistungsmitarbeitern. Das Akrützel sprach mit ihm über Coolness, Kampagnen und süße kleine Hunde in Not.Foto: privat Welchen Stellenwert weisen Sie der Kommunikation im Marketing zu? Das kommt von Unternehmen zu Unternahmen ganz darauf an. Grundsätzlich hat die Bedeutung der Kommunikation zugenommen. In den Medien gibt es eine unüberschaubare Zahl an Medienoutlets, wie Zeitschriften und Fernsehsender. Durch die daraus entstandene Konkurrenzsituation müssen Unternehmen heute viel mehr Geld ausgeben, um gehört zu werden. Das ist in den letzten Jahren ein ganz erhebliches Problem geworden. Hat das auch etwas mit der Vielfalt zu tun, die uns heute begegnet? Ja. Vielfalt an Wettbewerbern, die alle für sich Kommunikationspolitik betreiben. Über Kommunikation können sie versuchen sich abzuheben. Es sind dann nicht unbedingt faktische Unterschiede, sondern eher psychologische, die sie versuchen zu verdeutlichen. Geht es dann mehr um die Persönlichkeit desjenigen, der das Produkt kaufen soll? Ganz genau. Sie schreiben ihrem Produkt gewisse Attribute zu, wie: dieses Produkt macht Sie jünger, attraktiver, sportlicher; und das erreichen sie in der Regel nur über gute Kommunikation. Das Produkt selbst ist erst einmal was es ist. Es ist eine Jeans oder ein normaler Joghurt, und das, was sie über Kommunikation versuchen darüber hinaus noch an Nutzen darzustellen, ist häufig kaufentscheidend. Würden Sie sagen, dass das Arbeiten mit Gefühlen heute stärker eine Rolle spielt? Ich glaube das Arbeiten mit Gefühlen spielt eine stärkere Rolle, aber ich glaube auch, dass dieses plumpe Dem-Kunden-Angst-Machen heute relativ selten geworden ist. Der Trend geht eher dahin, zu überzeugen mit dem Nutzen des Produktes. Ein Produkt hat ja nicht immer nur einen qualitativen, funktionalen Nutzen, es hat auch einen preisbezogenen Nutzen. Dann spricht man noch vom sozialen Nutzen: Was tut das Produkt für mich im Hinblick auf meine soziale Zugehörigkeit? Und dann gibt es den emotionalen Nutzen. Also zu deutsch: Fühle ich mich besser durch das Produkt? Wie ist das bei gemeinnützigen Organisationen, die eine Idee verkaufen? Es gibt Kampagnen, die darauf abzielen ,problematisches Konsumverhalten zu minimieren. Man spricht da von persuasive advertising oder persuasive communication. Die ganzen sogenannten Sozialmarketingkampagnen basieren auf der Idee, dass man durch Überzeugung versuchen kann, zum Beispiel die Zahl der Suchtgefährdeten zu reduzieren. Die Non-Profit-Organisationen, die da dahinter stehen sind zum Beispiel staatliche Gesundheitsbehörden. Die verkaufen im Grunde die Idee eines gesunden Lebensstils oder einer nachhaltigen Umwelt. Das machen sie häufig mit ähnlichen Instrumenten wie die klassische Werbewirkung. Doch Plakate, wie zum Beispiel von Antialkoholkampagen, setzen schon auf Angst, oder? Ja, das ist allerdings nicht unumstritten. Aber ich denke da auch an Kampagnen wie „Gib Aids keine Chance“. Da ist mein Eindruck, dass weniger mit Angst gearbeitet wird, als vielmehr mit der Botschaft der gesellschaftlichen Akzeptanz. „Mach‘s mit“: Das befördert den Gedanken, dass es nicht mehr akzeptabel ist, ungeschützt Geschlechtsverkehr zu haben. Vor einigen Jahren gab es die größte Antirauchkampagne auf europäischer Ebene, die „Help – for a life without tobacco“-Kampagne. Dort hat man bewusst junge Fernsehkanäle gewählt, um die Spots zu zeigen. Die drei verschiedenen Spots zielten dabei alle auf die schwindende Akzeptanz für Raucher: Es ist nicht cool, die Leute mögen das nicht, nur Pfeifen und Spielverderber rauchen noch. Was ist die Besonderheit bei Organisationen, die mit Ständen in den Straßen stehen und auf die Leute zugehen? Das sind per Definition Dienstleistungsunternehmen. Zwar non-profit, aber Dienstleister. Die haben im Grunde kein Produkt, was sie zeigen können, sondern ein Versprechen. Aber da ist nichts, was Sie mit nach Hause nehmen und zeigen können, außer das gute Gewissen. Was diese Organisationen erreichen können, ist Aktivierung. Das heißt, dass sie sich mit einem Thema verstärkt gedanklich auseinandersetzen. Und das schaffen sie, indem sie informieren und exemplarisch Handlungsbedarf verdeutlichen. Aus gegebenem Anlass bekomme ich von Greenpeace regelmäßig die Mitgliederzeitschrift und dort wird immer ein Umweltproblem herausgepickt. Da können Sie eigentlich als normaler Mensch nicht still bleiben, ohne zu rufen: „Skandal!“. Oder Ärzte ohne Grenzen, die auf humanitäre Katastrophen hinweisen und wo sie tätig werden. Man sucht sich prominente Beispiele heraus, anhand derer man nachweisen kann, wie wichtig die eigene Aktivität ist. Wie wichtig ist in dem Zusammenhang denn das direkte Gespräch, das diese Gruppen mit den Leuten eingehen? Wiedererkennung ist natürlich extrem wichtig. Wenn ich so einen Stand organisieren müsste, würde ich bei Greenpeace nicht nur auf grün und weiß setzen, sondern ich würde vielleicht mit Plakaten arbeiten, die Aufmerksamkeit erregen und aktivieren. Es gibt gewisse Schemata in unseren Köpfen, auf die wir reagieren. Wenn wir zum Beispiel einen kleinen Hund in einer unwürdigen Situation sehen, dann erzeugt das Mitleid. Das sind auf jeden Fall emotional aktivierende Bilder. In der Straße würde ich dann mit Bildern arbeiten, die Aufmerksamkeit erzeugen, statt nur den Organisationsnamen hervorzuheben. Ist es da eher nicht förderlich, wenn Spendensammler direkt auf die Menschen zugehen? Könnte ich mir vorstellen. Ich habe es aber ehrlich gesagt noch nicht getestet. Im Hinblick auf die Antirauchkampagnen haben wir festgestellt: Wenn man die Leute dazu bekommt, nachzudenken und ihr eigenes Verhalten zu reflektieren, hat man relativ gute Chancen, eine Verhaltensänderung zu initiieren. Das hieß in unserer Forschungsarbeit responsable thinking. Die Frage ist: Können sie dieses responsable thinking in der Innenstadt hervorrufen? Vielleicht durch Bilder kombiniert mit geeigneten Botschaften. Zum Beispiel eine Öllache mit dem Wort „Warum?“ darunter. Ich könnte mir vorstellen, dass so etwas funktioniert und die Leute auch anrührt. Wäre das auch im religiösen Bereich denkbar? Ich habe gerade das Buch „Das katholische Abenteuer“ von Matthias Matusek gelesen. Darin beschreibt er sehr schön, wie uncool es ist, in Deutschland über Religion zu sprechen. Es ist also ein Thema, mit dem man proaktiv gar nicht in ein Gespräch gehen kann. Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einer Party oder in der Pause in der Mensa. Sie können über fast alles sprechen, aber mit Religion anzufangen, ich weiß nicht. Würden Sie als Marketingexperte da einen Rat geben wollen? Hätten sie mich vor einigen Jahren gefragt, hätte ich gesagt: Kirchenmarketing ist wichtig. Mittlerweile halte ich gar nichts mehr davon. Ich bin überzeugt, dass Religion erstens kein Produkt ist. Wenn Sie zweitens versuchen, über eine Veränderung der Form mehr Leute zu gewinnen, dann laufen Kirchen Gefahr, vielleicht an den zentralen Inhalten zu rütteln. Ich glaube, dann wären sie nicht gut beraten. Ein wichtigeres Thema ist da die Kundenbindung. Die zwei großen Kirchen haben Konfirmanden und Kommunionskinder. Über die haben sie noch Kontakt zu ihrer Zielgruppe. Unheimlich viele wandern ab und kommen nicht wieder. Oft ist es elterlicher Wille, dass die Kinder zur Konfirmation gehen, und danach haben sie ihre Schuld erledigt. Die christliche Botschaft ist ja nicht die schlechteste. Dinge wie Nächstenliebe kann man auch als Solidarität bezeichnen, das sind ja keine aggressiven oder ausgrenzenden Konzepte. Das ist im Grunde mehrheitsfähig für eine funktionierende Gesellschaft. Nach ein, zwei Jahren müssten die Kirchen dann versuchen, aus den Kindern gebundene Kunden zu machen.
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Ein Gespräch über die heftigen Proteste der chilenischen Studenten Das Gespräch führte Johanne Bischoff Mit dem Rücken zur Wand – Polizei in Aktion.Foto: flickr.com/Diego Martin Naby Berdjas ist Student der Soziologie in Jena. Eigentlich hatte er geplant, ein Auslandsjahr an der Universidad de Chile zu absolvieren. Nach drei Monaten gab er dieses Vorhaben auf: Seine Fakultät bot keine Veranstaltungen mehr an. Die chilenischen Studenten streiken seit einem halben Jahr. Mit Akrützel sprach er über die Proteste, Tränengas und die Macht des studentischen Aufstandes. Warum hast Du Dich entschieden, zwei Auslandssemester in Chile zu verbringen, und welche Erwartungen hattest Du? Ich wollte gerne nach Südamerika. Ich wollte Beobachtungen machen in einem Land, das man vielleicht als Peripherie des kapitalistischen Westens bezeichnen könnte. Und ich wollte in Santiago wohnen – also eine metropolitane Stadt erleben – da es mir manchmal paradox erscheint, in einer kleinen Stadt wie Jena Soziologie zu studieren, die Wissenschaft der Moderne. Wie war die Situation bei Deiner Ankunft? Ich bin Mitte Juli in Chile angekommen. Da wusste ich, dass es Studierendenproteste gibt. Das erste Studienhalbjahr des akademischen Jahres 2011 ist bis jetzt immer noch nicht zu Ende gegangen und das zweite hätte Ende Juli anfangen müssen. Die Universidad de Chile hatte ein Rundschreiben an die Austauschstudierenden gesendet. Ich hatte die Information, dass es zu „Unregelmäßigkeiten“ kommen könnte. Ich dachte nur, dass immer mal was ausfallen würde. Das ist eine ziemlich deutsche Herangehensweise, oder? Da war ich wohl durch die krasse Funktionalität der Uni hier verwöhnt. Ich habe bei „Unregelmäßigkeiten“ nicht an Totalausfall gedacht. Die Fakultät für Sozialwissenschaften bietet Anthropologie, Psychologie, Soziologie und Pädagogik an und ist eine der Keimzellen des Protests. Die einzige, die noch militanter ist, ist die Philosophische Fakultät. Wofür setzen sich die Studenten ein? Die Maximalforderung ist, Bildung für alle kostenlos zugänglich zu machen. Momentan wird Bildung einzig über das ökonomische Kapital vermittelt. Wer sich eine gute und damit sehr teure Privatschule leisten kann, hat dann Chancen, auf eine gute, staatliche Universität zu kommen. Es klingt paradox, aber nur in den Privatschulen werden die Schüler so auf die Abschlussprüfungen vorbereitet, dass sie die Zulassungsbeschränkungen erfüllen können. Die staatlichen Schulen sorgen nicht dafür, dass man einen guten Abschluss schaffen kann. Nichtsdestotrotz kosten auch staatliche Universitäten unheimlich viel Geld. Bildung wird in Chile als Ware verstanden. Die Studiengänge kosten unterschiedlich viel: Soziologie umgerechnet 4.000 Euro im Jahr, Medizin und Jura 6.000 und mehr. Wer nicht an eine gute staatliche Uni kommt, muss sich eine private leisten – die nehmen alle an. Ich habe gehört, dass sie die Studierenden regelrecht ausbeuten: viel Geld nehmen und Titel versprechen, die auf dem Arbeitsmarkt dann nichts wert sind. Trotzdem nehmen viele einen Kredit auf und gehen an diese Privatunis, weil es für sie die einzige Möglichkeit ist, überhaupt zu studieren. Momentan machen Universitäten immer einen Gewinn. Sie werden geführt wie Unternehmen. Auch dagegen protestieren die Studierenden. Welche Chancen rechnen sie sich für die Umsetzung ihrer Forderungen aus? Ihnen ist bewusst, dass sie das alles noch nicht durchbekommen können. Aber sie wollen jetzt ein prinzipielles Zeichen setzen. Die chilenische Regierung ist wirtschaftlich extrem neoliberal und ansonsten eher mitte-rechts einzuordnen. Bildung, wie sie jetzt in Chile funktioniert, wirkt als Katalysator der gesellschaftlichen Ungleichheit. Und deswegen ist es ein politisch hart umkämpfter Schauplatz. Gehen die Proteste auch von den Lehrenden aus? Das ist das Spannende. Sie empfinden es auch als Bewegung der neuen Generation. Die Lehrenden stehen auf der Seite der Studierenden. Man kann die Positionierung Uni gegen Staat sehen. So wie ich es mitbekommen habe, gibt es bei den Lehrenden aber nicht diesen Aktivismus. Sie gehen mit zu den Demonstrationen, organisieren aber nicht. Vielleicht sind sie auch froh, keine Lehre machen zu müssen, sondern sich auf ihre Forschung konzentrieren zu können. Was hast Du gemacht, als Dir klar geworden ist, dass es mit dem Studieren erst mal nichts wird? Das hat mich wahnsinnig frustriert. Klar hätte man dann einfach reisen können, aber das wollte ich nicht. Ich habe dann angefangen, mich mit der Situation zu beschäftigen und bin zu den Plena der Studierenden gegangen. Das war extrem gut organisiert. Die Gruppen sind nach Studiengang und Semesterzahl aufgeteilt, weil es sonst zu viele wären. Dann wurden bestimmte Fragen diskutiert und abgestimmt. Die Ergebnisse werden dann später alle zusammengetragen und addiert. So wird festgelegt, ob weiter gestreikt wird oder nicht. Die basisdemokratische Rückkopplung ist enorm. Und es kommen immer viele Studierende zu den Treffen, obwohl sie von sich sagen, dass sie eine Minderheit seien. Aber bei den Demos waren bis zu 170.000 Menschen. Das sind dann nicht nur Studierende – das geht durch die ganze Gesellschaft. Ist die Solidarität in der Gesellschaft groß? Ja, die ist stark, obwohl es eine polarisierte Gesellschaft ist: Der eine Teil sagt, dass das endlich aufhören soll und das Militär auf die Straße muss, um für Ordnung zu sorgen. Der andere Teil hat ein sehr affirmatives Verhältnis zur Studierendenbewegung. Er sieht es als gesamtgesellschaftliches Problem. Deshalb kam es auch schon zum Generalstreik, an dem aber aus Angst vor persönlichen Folgen zu wenige teilnahmen. Die Vernetzung der Studierenden existiert sogar auf nationaler Ebene. Dort treffen sich die studentischen Vertreter und tragen alles zusammen. Sie haben aber keine Entscheidungsgewalt. Vorschläge und mögliche Entscheidungen werden immer wieder an die Basis zurückgetragen und von dort wieder an die Vertreter übermittelt. Die treten dann mit der Regierung in Verhandlung. Diese Gespräche waren aber sehr statisch, weil keine der beiden Seiten von ihrem Standpunkt abgerückt ist. Gibt es Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizisten? Insgesamt kommt es oft zu heftigen Ausschreitungen. In Chile gibt es keine zivile Polizei – außer der Kripo. Die ins Militär integrierte Polizei liefert sich sehr oft Straßenschlachten mit den Protestierenden. Bei den Generalstreiks sind so heftige Ausschreitungen zustande gekommen, dass zwei Jugendliche getötet wurden. Die beiden sind in einem Außenbezirk in der Nähe des Flughafens erschossen worden. Die Polizei dementiert, dass sie etwas damit zu tun hat und spricht nur von „abgegebenen Warnschüssen“. Hast Du auch an Demonstrationen teilgenommen? Ich war in Santiago de Chile selbst auf zwei oder drei Demos. Die Kundgebung war wie ein Karnevalsumzug. Trotzdem war von Anfang an klar, dass es am Ende zu Ausschreitungen kommen wird. Man ist dann zwei, drei Stunden durch die Gegend gelaufen, und als die ersten Tränengaswolken aufgestiegen sind, bin ich immer gegangen. Als Ausländer muss man aufpassen: Wenn man auf Demonstrationen festgenommen wird, kann man – zumindest offiziell – des Landes verwiesen werden. Ich habe mich auch oft eher als Beobachter und weniger als Beteiligter gefühlt. Tränengas kommt ziemlich häufig zum Einsatz. Und das Wasser aus den Wasserwerfern wird mit Chemikalien versetzt, welche Verbrennungen ersten Grades auf der Haut verursachen. Die Fotos von den Verletzungen sind wirklich schlimm. Auch wenn Du früher nach Jena zurück gekehrt bist: Würdest Du sagen, dass Du eine neue Perspektive einnehmen konntest? Ich war auf dem Kongress in Valparaiso. Dort fand dann das statt, was ich bis dahin vermisst habe, nämlich eine sozialwissenschaftliche Einordnung oder Analyse der Bewegung. Gerade ist alles so lebendig, dass die Reflexionsebene gefehlt hat. „Wir verharren nicht mit verschränkten Armen, während andere die Geschichte schreiben.“ Foto: flickr.com/Carol Crisosto Cadiz
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Von Philipp Böhm Foto: Fotomontage: Daniel Hofmann Es ist eine Vorstellung, die unseren Gemeinschaftskundelehrern bereits vor Jahren schlaflose Nächte bereitete, in Seminaren wieder aufgewärmt wird und uns pünktlich zu jeder größeren oder kleineren Wahl erneut um die Ohren gehauen wird. Die Rede ist von der ominösen Politikverdrossenheit. Ominös deshalb, weil sich dieser Irrglaube eigentlich recht leicht widerlegen lässt. Unsere von zahllosen Vorwürfen und Zuschreibungen doch arg gebeutelte Generation hat den Austragungsort ihrer Politik ganz einfach verschoben; nämlich an einen zwar alltäglichen, dennoch aus unerfindlichen Gründen schambehafteten Ort: die Universitätstoilette. Auf den Wänden eben jenes sozialen Raums werden die Kämpfe von morgen ausgetragen, in Form kurzer, aber umso prägnanterer Forderungen und Parolen. Ein Beispiel: In eine Kabine, Erdgeschoss Carl-Zeiss-Straße, schrieb ein hitziger junger Linker die Aufforderung an jene, die dort zwischen Seminaren und Vorlesungen entspannt ihre Notdurft erledigen, doch bitte die momentan herrschende Gesellschaftsordnung auf möglichst gewaltvolle Art und Weise zu beseitigen. Dies erregte wiederum einen eher konservativ eingestellten Geist. Er antwortete: „Reds: Go to North Corea and learn to hunger without freedom.“ Der Debatteneröffner konnte solch dreiste Unterstellungen selbstverständlich nicht auf sich sitzen lassen und erwiderte: „Nein nein, genau anders rum!“ Zugegeben, die Stringenz des Konters hielt sich in Grenzen – dennoch zeigt sich ganz offensichtlich die ausgefeiltere Kommunikationstechnik der universitären Toiletten, im Gegensatz zu dem, was wir von Schultoiletten noch zu berichten wissen. Wurde dort primär jene Leistungsfähigkeit bestimmter Schülerinnen und Schüler verhandelt, die nicht unbedingt in der Turnhalle ihren Ausdruck fand, zeichnen sich mit Eintritt in den akademischen Betrieb die Auseinandersetzungen an Toilettenwänden mehr und mehr durch geschicktes Argumentieren und agitatorische Rhetorik aus. Es finden sich nicht nur Ansätze der Mäeutik, wenn auf die Frage „Warum kämpfen?“ äußerst pointiert mit „Because you‘re a slave!“ geantwortet wird – die weißen Kacheln sind in ihrer kommunikativen Funktion ebenso postmodern geprägt. Die klassische Autorenschaft verschwindet gleichsam wie das in sich abgeschlossene Werk. An seine Stelle treten fragmentarische Botschaften und anonyme Collagen; es entsteht ein Prozess der permanenten Überarbeitung, des Kommentierens und gegenseitiger Inspiration. Umso bedauerlicher, dass es sich die für die sanitären Anlagen zuständigen Dezernate der Friedrich-Schiller-Universität offensichtlich zur Aufgabe gemacht haben, in dieser Hinsicht äußerst repressiv vorzugehen und die studentische Streitkunst mit allen Mitteln zu bekämpfen. Das Ergebnis: Waren die öffentlichen Toiletten der Carl-Zeiss-Straße lange Zeit der zentrale Austragungsort akademisch-politischer Debatten, finden sich dort in letzter Zeit vermehrt blank geschrubbte Wände. Dieses Verhalten zeugt von einem zutiefst antiquierten Verständnis der politischen Debatte. Ist es nicht bezeichnend, dass gerade auch eher bürgerliche Gemüter („Steineschmeißende stalinistische Steinzeitkommunisten raus aus der Uni!“) die Klowand als Medium entdeckten? Wenn dieses Milieu dazu bereit ist, sich in gesellschaftliche Widersprüche von biederer Vandalismuskritik und aktiver Teilhabe an politisch relevanten Diskursen offensiv zu begeben, kann dann nicht von der offiziellen Institution Universität das Gleiche verlangt werden? Deshalb: Bitte, liebes Universitätspersonal, lasst den Kram doch einfach stehen.
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Was die Uni und das Studentenwerk für Nachhaltigkeit tun Von Johanne Bischoff, Jan-Henrik Wiebe, Susanne Veil Wieder einer dieser Morgen an denen der Wecker viel zu leise klingelt. Die gestrige Party steckt auch noch in den Knochen. Schnell aus dem Bett und heiß duschen. Weil das Wasser so langsam warm wird, läuft es – während die Zähne geputzt werden – ungenutzt in den Abfluss. Das Licht im Bad bleibt heute an, die Zeit ist zu knapp. Auch das Küchenradio darf den ganzen Tag ohne Hörer vor sich hindudeln. Schuhe an und ab in die Uni. Weil es nieselt, lieber mit dem Bus. Das Semesterticket ist ja bezahlt. In der Cafeteria noch schnell einen Coffee to go – natürlich im Pappbecher. Das Pfand für die Tasse abzuholen vergisst man sowieso. Mittags in die Mensa? Da ist es immer so voll, also lieber zur Fastfoodbude um die Ecke. Das Tablett mit Kartons, Tüten, Burgerresten und Plastikbesteck zum Container jonglieren und alles in eine Tonne. Zurück in den Seminarraum. Wieder sind alle Plätze belegt. Also den letzten Stuhl neben dem Fenster erkämpfen. Der Dozent will, dass es offen bleibt. Naja, wenigstens die Heizung kann dann in Eigenregie hochgedreht werden. Abends dann zum Basketball. Der Platz ist beleuchtet – die ganze Nacht hindurch. Um den Tag richtig studentisch ausklingen zu lassen, geht es in die Wagnergasse. Drinnen rauchen dürfen die Gäste nicht mehr, darum unter den Heizpilz gesetzt und eine Zigarette nach der anderen geraucht. Weil der Aschenbecher voll ist, landen die Kippen auf dem Boden. Die Kehrmaschine wird es schon richten. Bei der Kellnerin bestellt man sich dann aber doch einen Fairtrade-Bio-Wein. Um das Gewissen zu beruhigen. Die Hochschule verbraucht Strom, Wärme und Wasser und produziert Müll. Doch gibt es Anstrengungen, alle Werte nach unten zu regulieren. In Haushalten entsteht durch Heizen die höchste CO₂-Belastung, das wird in Universitäten – abgesehen von Laborbereichen mit hohem Strombedarf – ähnlich sein. Gebäude brauchen darum eine gute Wärmedämmung. In Jena hat die Universität ungefähr 150 größere Objekte, von denen ein knappes Drittel unter den speziellen Sanierungsauflagen des Denkmalschutzes steht. „Wir würden viel mehr machen, aber das ist eine finanzielle Frage“, versichert Marina Sammler, Mitarbeiterin im Dezernat für Technik und Liegenschaften. „Wir können ja nicht nur energetisch sanieren, wir müssen auch den Bestand pflegen“, fügt sie hinzu. Denkmalgeschützte Gebäude sind am teuersten zu modernisieren: Fenster müssen speziell angepasst werden und Wärmeisolierung ist in der Regel nur von innen möglich. Dass bei der Dämmung durchaus Bedarf besteht, zeigt sich am Geowissenschaftlichen Institut. Weil die Räume im Winter immer so kalt waren, suchte man sich Hilfe beim Verein Sunfried. Ein Experte wurde engagiert, der Stellen des Wärmeverlustes lokalisieren sollte. „Ihm ist aufgefallen, dass die Dämmung im Dach schlecht ist. Wir haben dann zwei Möglichkeiten gehabt: Zum einen hätte eine Totalsanierung helfen können. Aber auch eine abgespeckte Variante, die schon viel bringen kann, ist möglich. Die würde weniger als 20.000 Euro kosten“, so Katja Puschkarsky, Sprecherin des Vereins. Nachhaltigkeit 2.0 Marina Sammler und ihr Dezernat arbeiten derzeit an einer Homepage, auf der alle Verbrauchsdaten der Universität veröffentlicht werden sollen: „Andere Unis erstellen Nachhaltigkeitsberichte.“ Die Mitarbeiter des Dezernates wollten keinen Bericht verfassen, der dann ungelesen bleibt. Darum entschieden sie sich für eine Visualisierung auf der Website. Schon das Festlegen der einzelnen Bereiche stellte sie allerdings vor ein Problem: Nicht jedes Uni-Gebäude hat seinen eigenen Zähler, viele sind auch in Fernwärme- und Trafostationen zusammengefasst. Das macht das Ermitteln genauer Daten unmöglich. „Nicht überall können wir Zähler nachrüsten, darum haben wir Bereiche festgelegt“, erklärt Sammler. Wichtig ist ihr, nicht zu vergessen, dass nicht alle Institute miteinander verglichen werden können. So ist der Stromverbrauch in einem physikalischen Labor sehr viel höher als der Verbrauch in den Büros des Historischen Instituts. Die Idee zur Homepage, die in den nächsten Wochen ins Netz gestellt werden soll, kam den Machern in der Arbeitsgruppe Umwelt, in der neben den Mitarbeitern der Verwaltung unter anderem auch der Rektor und Mitglieder des Umweltreferates zusammenkommen. „Wir haben uns in dieser Konstellation vor einem Jahr zum letzten Mal getroffen“, sagt Felix Quittek, Umweltreferent des Stura, „das liegt aber daran, dass wir erstmal die zwei größeren Projekte beenden wollten, bevor wir etwas Neues anfangen.“ Neben der Transparenz, die durch die Internetpräsenz entstehen soll, hat das Umweltreferat den Leitfaden „Auf grünen Wegen“ erarbeitet. Auf knapp 40 Seiten befasst sich diese Broschüre mit Fakten rund um das Thema Nachhaltigkeit. Für Felix ist dabei der Ton entscheidend: „Wir haben versucht, unseren Leitfaden ziemlich sachlich zu schreiben. Die Leute sollen das lesen und nachdenken – nicht in eine Abwehrhaltung getrieben werden.“ Er will nicht der antihedonistische Besserwisser sein, sondern wirklich etwas bewirken. Einen Beitrag zu leisten – dieses Ziel verfolgen auch die Mitglieder des Vereins Sunfried. Sie haben dank vieler Kleindarlehen eine Solaranlage finanziert. Mit Werbung und Engagement haben sie 68.000 Euro zusammengetragen und standen dann vor der Aufgabe, ein passendes Dach zu finden: „Dabei haben wir Unterstützung von der Universität bekommen. Die Statik musste geprüft werden. Denkmalgeschützte Gebäude fielen von vornherein weg“, erinnert sich Katja Puschkarsky. Seit der Errichtung Ende 2009 erwirtschafte die Anlage 7.000 Euro im Jahr, so könne den Investoren ihr Geld und eine Gewinnausschüttung garantiert werden. „Außerdem haben wir jetzt zwei Hiwis, die die Anlage wissenschaftlich begleiten. Eine der beiden Stellen sponsert Professor Gerhard Paulus vom Institut für Optik und Quantenelektronik.“ Sein Interesse an den Daten brachte ihn dazu, die Mittel zur Verfügung zu stellen. Die gesamte Uni mit Solaranlagen auszustatten sei aber nicht möglich. Weil die Universität nicht selbst ihren Stromanbieter wählen könne, sondern ihn vom Land Thüringen zugeschrieben bekomme, sei es bis jetzt nicht möglich, Ökostrom zu beziehen. Zum Jahreswechsel verbessert sich der Energiemix trotzdem: Bisher kam der Strom von Vattenfall und wurde zu 69 Prozent aus fossilen Brennstoffen, 26 Prozent aus regenerativen Quellen und fünf Prozent aus Kernenergie gewonnen. Der neue Anbieter enviaM hingegen garantiert, 75 Prozent der Energie aus regenerativen Ressourcen zu ziehen. Dafür können die restlichen 25 Prozent gemischt zusammengestellt werden, was auch bedeuten kann, dass diese ausschließlich Kernenergie beinhalten. Außerdem sei die Universität gezwungen, Fernwärme – ein Abfallprodukt der Stromerzeugung – zu beziehen. Der Stadtrat beschließt, welche Gebiete angeschlossen werden. Dem könne man nur entgehen, wenn nachgewiesen werden kann, dass Wärme selbst emissionsfrei erzeugt werden kann. „Die Universität fährt nachts und an den Wochenenden die Temperaturen runter. Das ist auch ein Grund, warum die Uni zwischen Weihnachten und Neujahr schließt. Wir müssen inzwischen alle Urlaub machen. Da war Jena eine der ersten Universitäten“, sagt Marina Sammler. Ihrer Meinung nach könne man aber noch mehr einsparen. Mit den Maßnahmen im Bereich Wassersparen ist sie hingegen zufrieden. Nach und nach wurden Armaturen eingebaut, die einen geringeren Durchlauf haben. Im Bereich „Campus“ konnte so der bisherige jährliche Wasserverbrauch von mehr als 16.000 Kubikmeter um etwa 3.100 reduziert werden. Das ist mehr als eine Füllung des Olympiabeckens in Berlin. An den Waschbecken der Toiletten wird inzwischen auf warmes Wasser verzichtet. Auch Felix vom Umweltreferat hält das für eine sinnvolle Maßnahme: „Das Problem ist gar nicht, dass Wasser verschwendet wird. Denn unser Abwassersystem ist auf einen hohen Durchlauf ausgelegt. Viel bedenklicher ist das Verschwenden von warmem Wasser.“ Regenwasser zum Spülen Auch das Studentenwerk verstärkt seine Bemühungen. „Gerade bei Neubauten werden große Bemühungen aufgebracht. Sie installieren zum Beispiel Anlagen zur sogenannten Grauwassernutzung. Die sorgen dafür, dass Regenwasser zum Toilettenspülen genutzt wird“, erklärt Felix. Auch die Wärmedämmung sei vorbildlich. Problematisch ist aber, dass Mieter der Wohnheimzimmer eine Strom- und Wasserflatrate haben. Das verleitet zum unreflektierten Konsum. „Wir haben mit Zählern in einem Wohnheim in Weimar ausprobiert, ob Studenten bei verbrauchsabhängiger Abrechnung mehr sparen. Das hat sich nicht gerechnet. Was man gespart hat, wurde durch höhere Kosten wieder kompensiert“, entgegnet Siegfried Kinzel, Abteilungsleiter Studentisches Wohnen. Außerdem sei auch die Fluktuation der Mieter zu groß. Felix hat das Gefühl, dass das Studentenwerk von innen heraus Nachhaltigkeit anstrebt: „Im neuen Jahr eröffnet im jetzigen Pasta Basta eine rein vegetarische Mensa.“ Das Umweltreferat hat diese Idee an das Studentenwerk herangetragen. Es wollte das fleischlose Angebot verbreitern und den allgemeinen Fleischkonsum der Studenten reduzieren. Für die Produktion von Fleisch werden viel mehr Ressourcen benötigt. Außerdem soll der Anteil des biologisch angebauten Essens sukzessive gesteigert werden. Olaf Herrmann, der stellvertretende Küchenchef bestätigt, dass entstandener Abfall in Pappe, Hausmüll und Biomüll getrennt und jeweils von verschiedenen Unternehmen abgeholt und entsorgt werde. Ein bisschen Hochachtung schwingt mit, wenn er über das Kalkulationsvermögen seines Chefs redet: „Wenn Herr Kirmse vormittags mit 900 Essen rechnet, verkaufen wir am Tag 880.“ Und falls die Kartoffeln doch einmal zu früh ausgehen sollten, könne man auf Reis zurückgreifen. Meist sind es die kleinen Dinge, die etwas bewirken. So verabschiedete der Stura Nachhaltigkeitsrichtlinien. In diesem Zusammenhang wurde angeregt, dass Ökopapier benutzt werden soll. „Das ist schwieriger als man denkt, denn unsere Drucker würden mit dem normalen Recyclingpapier kaputtgehen“, erklärt Christoph Pregla, Technikreferent vom Stura. Das Problem ist so einfach wie banal: „Zu holzig.“ Doch durch einen Zufall ist der Informatikstudent auf ein Papier gestoßen, dass dem normalen in nichts nachsteht: Es ist zu hundert Prozent recycelt, ganz weiß und trotzdem chlorfrei. Nach Rücksprache mit dem Umweltreferat konnte dann endlich das neue Papier bestellt werden. „Wir mussten natürlich noch die Restbestände des alten aufbrauchen, aber am Semesteranfang druckt sich das weg“, erzählt Christoph. „Auch wenn das Ökopapier im Einkauf um 25 Prozent teurer ist, bleibt der Preis für die Studierenden vorerst bei zwei Cent.“ In einem sind sich Marina Sammler vom Dezernat für Technik und Liegenschaften und Felix Quittek vom Umweltreferat einig: Sowohl Studenten als auch Mitarbeiter der Hochschule müssen ein Bewusstsein für ein nachhaltiges Leben entwickeln. Felix wünscht sich, dass „man zum Beispiel bei Klamotten auf Langlebigkeit achtet. Keine Plastiktüten oder To-go-Becher. Jeder muss sich die Gedanken machen. Es ist nicht wichtig, dass die Menschen sich einen Regelkatalog aufstellen und den dann abarbeiten. Sie sollen hinterfragen, was sie machen und was sie dabei verbrauchen.“ Von der Universität verlangt er, dass das Wissen über Nachhaltigkeit in der Lehre vermittelt wird. „In ASQ-Modulen wäre das ziemlich leicht zu bewerkstelligen.“ Außerdem müsse eine Stelle für Nachhaltigkeitsmanagement geschaffen werden: „Natürlich könnte es sein, dass dafür zwei Hiwi-Stellen gestrichen werden müssen. Aber der Nutzen wäre absolut gegeben.“ Ihn stört, dass die Uni Nachhaltigkeit als wichtig bezeichnet, am Ende aber doch nur halbherzig verfolgt.
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Im Gespräch über Wege zur Nachhaltigkeit: Professor Schaltegger Das Gespräch führte Jan-Henrik Wiebe Was tun Universitäten und Unternehmen für die Nachhaltigkeit und was steckt eigentlich hinter diesem Begriff? Das Akrützel sprach mit Prof. Dr. Stefan Schaltegger von der Leuphana-Universität Lüneburg, dem Leiter des Forschungszentrums für Nachhaltigkeitsmanagement an der einzigen nachhaltigkeitswissenschaftlichen Fakultät in Deutschland und Gründer des ersten MBAs für Sustainability Management.Foto: Utopia, R. Stalla Was ist die Philosophie hinter dem Nachhaltigkeitsmanagement? Darunter verstehe ich die integrative Berücksichtigung sozialer, ökologischer und ökonomischer Aspekte in der Unternehmensführung. Dabei geht es erstens darum, eine Organisation nachhaltig zu entwickeln und sie zweitens zu befähigen, einen konstruktiven Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft zu leisten. Und was machen Nachhaltigkeitsmanager, die Sie an der Leuphana-Universität Lüneburg ausbilden? Das sind Personen, die sich mit der nachhaltigen Entwicklung der Organisation befassen. Es gibt implizite Nachhaltigkeitsmanager, die zum Beispiel Werke, Produktion oder Produktentwicklung leiten und sich dort die Aufgabe stellen, Nachhaltigkeitsaspekte zu berücksichtigen. Man wird immer Auswirkungen haben, die die Nachhaltigkeit oder Unnachhaltigkeit beeinflussen und wenn man dies nicht explizit managt, dann wird akzeptiert, dass im Regelfall ein negativer Beitrag geleistet wird. Welche Branchen setzen besonders auf nachhaltige Entwicklung? Das kann ich so generell nicht beantworten. Was man sagen kann, ist, dass es zeitliche Verschiebungen und andere Schwerpunktsetzungen gibt. Die Chemieindustrie war relativ früh dran, weil sie auch besonders exponiert war durch Unfälle. In der Ernährungsbranche beispielsweise sieht man eine stärkere Ausrichtung des Nachhaltigkeitsmanagement in Richtung Produktentwicklung und Marketing, während die chemische Industrie sehr auf Risikomanagement setzt. Die konventionelle Energiebranche ist mehr auf Kommunikation und Risikomanagement ausgerichtet. Die unterschiedlichen Schwerpunkte hängen damit zusammen, von welchen Fragestellungen die Unternehmen herausgefordert werden. Man kann nicht sagen: Die einen machen etwas und die anderen machen nichts. Wie groß ist die Nachfrage nach zukünftigen Nachhaltigkeitsmanagern? Wir haben gerade eine Befragung bei unseren MBA-Absolventen gemacht und haben da sehr deutlich gesehen, dass es eine große Nachfrage gibt und die Leute alle sehr gute Stellenangebote bekommen. Wobei sehr gut heißt, dass sie die Stellen bekommen, wo sie Sinn und Erfüllung in ihrer Arbeit sehen. Es besteht also Bedarf an Nachhaltigkeitsmanagern. Warum setzt die Leuphana auf Nachhaltigkeit? Weil engagierte Menschen, die an der Uni arbeiten, zu der Überzeugung gelangt sind, dass das eine der wesentlichsten Zukunftsfragen der Zivilgesellschafft des 21. Jahrhunderts ist. Die Leuphana hat sich das Ziel gesetzt, nicht als Elfenbeinturm dazustehen, sondern in eine Interaktion mit der Gesellschaft zu treten und einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung zu leisten. Welche grundlegenden Schritte hat die Uni getan, um dorthin zu gelangen, wo sie jetzt steht? Das sind viele kleine Schritte gewesen. Ein wichtiger Markstein ist die Einrichtung der Stelle einer Umweltkoordinatorin. Damit fand eine Institutionalisierung statt. Außerdem hat man Studiengänge eingerichtet und eine Fakultät für Nachhaltigkeitswissenschaften ins Leben gerufen. Wir waren auch, so weit wir wissen, die erste Uni, die sich das klare Ziel gesetzt hat, vollständig klimaneutral zu werden. Hier an der Uni Jena gibt es zum Beispiel keine Umweltkoordinatorin. Ist es ohne eine solche Stelle unmöglich, nachhaltig zu werden? Man kann erhebliche Fortschritte ohne Umweltkoordinator oder Nachhaltigkeitsbeauftragte machen. Das ist grundsätzlich möglich, aber es ist sehr viel schwieriger. Es braucht Personen, deren Aufgabe und Selbstverständnis darin besteht, die Organisation zu unterstützen, in Richtung nachhaltige Entwicklung voranzuschreiten. Für Fortschritte bezüglich Themen wie Energieeffizienz, Campusentwicklung und Verkehrskonzept ist so eine Person sehr wichtig. In der Lehre ist es nötig, dass Nachhaltigkeit im Curriculum verankert ist, dass der Präsident, der Vizepräsident und auch der Dekan sich das Thema auf die Fahne schreiben und vorantreiben. Was bringt es der Uni für Vorteile, wenn sie verstärkt auf Nachhaltigkeit setzt? Zuerst einmal entspricht es unserem Grundverständnis, dass wir sagen, wir wollen einen Beitrag zur Entwicklung und zur Lösung der wesentlichen Probleme und Fragestellungen in der Zivilgesellschaft leisten. Dazu gehört Nachhaltigkeit ganz zentral. Wir sind von inhaltlichem Interesse getrieben und unser Selbstverständnis der Rolle einer Universität in der Gesellschaft ist durch Engagement gekennzeichnet. Zweitens: Nutzen gibt es natürlich, weil wir mehrere Studiengänge haben, die sich mit Nachhaltigkeit befassen und wir damit Studierende, die daran auch interessiert sind, anziehen. Das sind natürlich Vorteile, die könnte man mit einem anderen Thema auch haben. Im Kern geht es um die Frage: @Was ist eigentlich die Rolle einer Universität?@ Wir als Leuphana wollen eine moderne Universität sein, die sich mit den relevanten Fragestellungen der Neuzeit befasst. Tun Universitäten und Unternehmen in Deutschland genug, um nachhaltig zu werden oder wurden sie schon von anderen Ländern abgehängt? Zur Universität kann man sagen, es gibt zwei davon auf der Welt, die eine Faculty for Sustainability Sciences haben. Neben der Leuphana-Universität ist das die Arizona State University. Man kann nie genug für eine nachhaltige Entwicklung machen; es ist ein so anspruchsvolles Ziel. Genauso ist es bei Unternehmen. Es gibt nicht den perfekt nachhaltigen Betrieb. Wir haben in Deutschland viele, die wirklich viel tun und es gibt welche die einfach grauenhaft hinterherhängen – oder versuchen zu bremsen. Schauen Sie sich einfach mal die Energiebranche an, dann sehen sie das gesamte Spektrum.
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Das Literatencafé Von Nadja Demel Treffen bei Schillerlocken und GoethegedichtenFoto: Katharina Schmidt „Liebst du das Leben? Dann verschwende keine Zeit“, rät eine der vielen Spruchtafeln an der gelben Hauswand eines Cafés unterm Markt. Zwischen Drogerie und Frisör macht man sich für gewöhnlich eher andere Gedanken. Nicht so im Literatencafé, das die Jenaer Bürger über Lebensweisheiten wie „Am Werke erkennt man den Meister“ oder „Dein Leben ist das, was deine Gedanken daraus machen“ schmunzeln lässt. Viele Studenten vermuten zunächst, dass sich hier besonders intellektuelle Kaffeefreunde zum stundenlangen Philosophieren und Nachsinnen treffen. Geht man dann doch einmal hinein, wird man schnell feststellen, dass sich hier eine sehr gemischte Kundschaft zum Kaffeekränzchen versammelt. So sitzen Oma und Opa an einem Sonntagnachmittag in einer Ecke des Cafés und versüßen ihren Enkelkindern den Tag mit heißer Schokolade. Sich selbst bestellen sie zwei Latte Coretto, das ist Latte Macchiatto mit einem Schuss Grappa. Am Nachbartisch tauschen drei Freundinnen bei Cappuccino und Sachertorte – übrigens eine der beliebtesten Sorten im Café – den neuesten Klatsch und Tratsch aus. Wer alleine kommt, schnappt sich ein Buch aus dem Regal und schmökert bei einer Tasse Java-Kaffee in den Werken berühmter Autoren. Das war aber nicht immer so. Bis zu seiner Neueröffnung war das Literatencafé eher Kneipe als Café. Statt Wiener Melange mit „Effi Briest“ gab es Wodka mit Nabokovs „Lolita“. An diese Zeiten erinnern nur noch die Bücherstapel im ersten Stock. Die schlichte Einrichtung und der Geruch von frischgebackenem Kuchen erwecken eher wohlige Kindheitserinnerungen als Vorstellungen von hitzigen Diskussionen über skandalöse Romane. Heute ist das Literatencafé vor allem für seine riesige Auswahl an Kuchen und Torten bekannt. Als Student mag es nicht besonders angesagt sein, sich sonntags zum Kaffeeklatsch mit Sahnetorte zu treffen. Aber rund achtzig sich abwechselnde Sorten – von fruchtig-frisch bis sahnig-süß – klingen mehr als verführerisch. Gerade für Leute, die nicht von hier stammen, empfiehlt es sich, den Thüringer Blechkuchen zu probieren. Während bei schönem Wetter die Eiskreationen auch draußen vor dem Café genossen werden können, locken zur Herbstzeit vor allem Schokoladentafeln und Pralinen aus der hauseigenen Chocolaterie. Überhaupt wird im Literatencafé alles selbst gemacht, wie mir versichert wurde: Von den üblichen Backwaren, die in der Bäckerei im Erdgeschoss angeboten werden, bis hin zu den aufwendig verzierten Torten, die für einen besonderen Anlass bestellt werden können. Eigentlich erstaunlich, dass hier nicht regelmäßig Horden von Studenten nach einer langen Partynacht auflaufen. Frühstücksangebote von herzhaft bis süß gibt es nämlich durchgehend bis 18:30 Uhr. Und wer samstags vergessen hat, einkaufen zu gehen, kann seinem knurrenden Magen beim Sonntagsbrunch etwas Gutes tun. Wer etwas in der Geschichte Jenas nachforscht, wird herausfinden, dass es das Literatencafé schon seit dem Jahr 1886 gibt. Seinen Namen und die damit verbundene Verlockung, zwischen Büchern und Gedichtbänden guten Kaffee und leckeren Kuchen zu genießen, hat es über all die Jahre behalten.
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Die neue Theaterleitung im Gespräch über ihre Pläne Anne Dünger mit Jonas Zipf und Matthias Znidarec (v.l.) Foto: Maria Hoffmann Im Jenaer Theaterhaus tut sich wieder einiges. Das Leben kehrt nach der Spielpause zurück. Neue Köpfe machen sich Gedanken über Konzepte, Stücke und Resteverwertung und neue Schauspieler kommen passenderweise mit Bohrmaschine und Wasserwaage bepackt zum Interview. Jonas Zipf und Matthias Znidarec nahmen sich zwischen Proben und Bauarbeiten Zeit, um dem Akrützel im Theatercafé Rede und Antwort zu stehen. Alte Freundschaften und neuer schauspielerischer Tatendrang zogen Matthias nach Jena. Jonas ist jetzt künstlerischer Leiter und will zusammen mit der ganzen Truppe zwischen Faust und Frankenstein die Bestie Mensch das Weinen lehren. Kaum haben wir uns im Café niedergelassen, beginnt Jonas, noch bevor Matthias auftaucht, das Gespräch über Selbstausbeutung, freies Theater und Sanduhren. Wie habt Ihr Euch als Leitung zusammengefunden? Jonas: Ein kompletter Wechsel von Ensemble und Leitung ist überall in deutschen Stadttheatern üblich. Die Verbindungen bei uns sind in erster Linie persönlicher Natur. Wir sind für ein Leitungsteam alle noch relativ jung. Irgendjemand hat mal ausgerechnet, dass wir die Jüngsten seien im deutschsprachigen Raum. Ich glaube, unser Altersdurchschnitt liegt bei 29,7. (lacht) Moritz Schönecker und ich haben zusammen in München Regie studiert. Wir sind die beiden, die jetzt Positionen bekleiden, die es vorher schon gab. Ich bin künstlerischer Leiter und Moritz künstlerischer Geschäftsführer. Benni, der kleine Bruder von Moritz, ist dann irgendwie dazu gerutscht und hat ihm bei seinen Produktionen geholfen. Bei Veronika Bleffert ist es ganz anders. Sie ist von Haus aus Kostümbildnerin, macht aber auch Bühne. Veronika und Benni sind ein unzertrennliches Duo. Sie ist sehr sehr gut im Geschäft und arbeitet eigentlich an allen großen deutschsprachigen Häusern als Kostümbildnerin. Hierfür hat sie sich jetzt zurückgenommen. Hier sieht sie eine Chance, Dinge mal ein bisschen anders zu machen. Und sie hat Lust, auch Leitungsverantwortung zu übernehmen. Habt Ihr einen Masterplan in Bezug auf Eure Zeit hier? Jonas: Einfach ankommen und anfangen gibt es nicht. Ich finde, es ist auch eine Seuche, gerade im Theater, dass man ständig meint, man müsse alles anders machen. Das Neue hat aber eine unglaublich kurze Halbwertszeit. Oft kommt es genau auf das Gegenteil an: Dass man Dinge gründlicher macht oder qualitativer. Wir haben hier eine Tradition vorgefunden, eine Atmosphäre und Mitarbeiterkultur, die gewachsen ist. Das ist eine Liebesgeschichte zwischen diesem Haus und uns. So wie Beziehungen verlaufen, wird es irgendwann vielleicht mal schwieriger, aber im Moment ist es noch die Verliebtheitsphase. Bis jetzt also keine gebrochenen Herzen… Was habt Ihr in die Beziehung mitgebracht? Jonas: Nein, keine gebrochenen Herzen. Ich glaube, wir haben bei unserer Bewerbung nicht damit überzeugt, dass wir den kaufmännischen Masterplan hatten. Wir haben natürlich schon Sachen auf die Beine gestellt, auch größere. Aber wir sind, was einen Betrieb von ungefähr 50 Mitarbeitern anbelangt, vollkommen unbefleckt. Wir haben aber nie einen Hehl daraus gemacht und nie so getan, als ob wir es besser wüssten, sondern haben sehr viel mit den Leuten geredet, sowohl hier im Haus, als auch in der Stadt. Es ist klar, dass wir auf die Erfahrung und Tradition des Hauses im Großen und Ganzen aufbauen werden. Wir haben in der ersten Zeit eine Inventur gemacht. Es sind zwei Grafiker gekommen und haben das ganze Haus abfotografiert. Sie sind durch die Stadt gelaufen, haben Orte fotografiert und aus diesen Bildern eine Bildsprache generiert, die das neue Outfit des Hauses ergibt. Es gab keine Tabula rasa. Von der Entscheidungsstruktur her, mit der wir das Haus leiten wollen, ist es nicht wie in einer Pyramide, dass jemand von oben Befehle austeilt und dann setzen sie sich nach unten fort. Bei uns ist es eher wie in einer Sanduhr: Von oben her fließt alles rein. Im besten Falle verdichtet sich dann die Sache von allein, weil man einfach zuhört, sammelt, und sich die Probleme dadurch lösen. Dafür braucht man sehr viel Zeit, Energie und Kommunikation. Aber manchmal müssen Entscheidungen natürlich auch schnell gefällt werden. Wir sind keine Basisdemokraten, wir wollen trotzdem leiten. Matthias kommt nun von der Bar und setzt sich zu uns auf die Couch. Jonas: Was das Theaterhaus außerdem auszeichnet, ist, dass es nicht in öffentlicher Trägerschaft ist und dass es keinen Intendanten gibt, der bestimmt, was passiert. Die künstlerische Leitung ist angestellt bei den Gesellschaftern. Das sind Leute, die im Laufe der zwanzig Jahre Theaterhaus hier gearbeitet haben. Dadurch sind sie Arbeitnehmer und Arbeitgeber in einem. Das ist total ausgeklügelt, aber es bedeutet nicht, dass man jede Entscheidung bis zum Schluss ausdiskutieren muss. Es bedeutet, dass man miteinander redet. Es gilt, sich auf das zu besinnen, was das Haus in der Vergangenheit auch ausgemacht hat: Freie Szene und Stadttheater unter einem Dach. Deswegen die Zusammenarbeit mit Institutionen und Vereinen aus der Stadt, und sich dabei selbst nicht größer machen, als man ist. Nicht so tun, als würde man hier ein Theater produzieren wie an einem Haus mit Zuschauerraum und vollem Staatstheaterbetrieb, mit einer Technikermannschaft im Drei-Schichten-Betrieb. Wir müssen das ausgleichen durch Flexibilität, Leidenschaft und Energie… Matthias: … und Selbstausbeutung. Jonas: Genau. Aber wir können uns auch nur bis zu einer gewissen Grenze ausbeuten. Im Laufe der Zeit wird auch eine der Fragen sein, wie man den Stress ein bisschen runterschrauben kann. Bei vier Produktionen, die innerhalb von sechs Tagen anlaufen, schraubt Ihr zur Zeit ganz schön hoch. Das ist schon relativ viel für den Anfang. Jonas: Das hört sich jetzt viel an, in Jena ist es aber so, dass man keine Stücke übernimmt. Bei anderen Theatern gibt es beim Leitungswechsel noch drei, vier Stücke, die bleiben. Wir haben im Repertoire keinen Grundstock. Wir fangen von null an. Man muss aber die Relation sehen: Die letzte Leitung hatte am Anfang fünf Premieren. Wir haben eine große Produktion, den „Faust“ eine mittelgroße im Oberstübchen. „Betaville“ haben wir schon vor dem Sommer gemacht, in Berlin. Das setzen wir jetzt um und nehmen es wieder auf. Und „Die Schneekönigin“ war auch im Sommer schon zur Hälfte fertig. So ganz von null auf hundert vier Produktionen zwischen September und November wäre gar nicht zu schaffen. Aber man muss am Anfang vielleicht auch einen Auftakt setzen. Die beiden schauen sich an und schweigen einige Sekunden verschwörerisch. Jonas: Matthias hält mich für einen Wahnsinnigen, ich ihn aber auch, deswegen guckt er mich immer so an. Matthias: Was heißt halten, es ist ja wohl erwiesen, dass du total verrückt bist. Du bist gerade erst angekommen und hast schon verschiedene Häuser hinter Dir. Was findest Du in Jena? Matthias: Verschiedene Häuser nicht. Ich war vorher an einem anderen Theater und davor zum Studium in Wien. Dort habe ich mit vielen Regisseuren zusammengearbeitet, sowohl welchen die von außen kamen, als auch aus der Regieklasse. Und danach kam dann das Berliner Ensemble. Naturgemäß verfolgt man ja, was gerade in der Theaterlandschaft läuft. Ich sehe es da irgendwie als Auftrag zu schauen: Was können Stadttheater und freie Szene leisten? Wie kann man das vielleicht neu erfinden? Dafür ist so ein Haus total interessant. Weil es aus vielen jungen Leuten besteht, die in einer bestimmten Richtung arbeiten. Da wird schon bei der Auswahl darauf geachtet, dass es einen Pool an Kreativität gibt, der vielleicht dazu führt, dass man eine neue Perspektive aufs Theater findet. In einem Haus, das eben nicht mehr freie Szene ist, wo sich bestimmte Mittel bündeln und das aber noch nicht völlig im großen Stadttheater angekommen ist. Es geht dabei nicht um Riesensummen und es muss nicht alles drei Jahre lang durchgeplant sein, sondern man hat eine größere Flexibilität und kann während des Prozesses schauen, wohin das führt. Was ist der Hintergrund zu Eurem Leitsatz „Weine, weine, Bestie Mensch“? Das Motto beschäftigt sich vor allen Dingen mit den Stücken. Es ist aber wichtig zu sagen, dass wir uns nicht ein Motto gewählt haben und dann die Stücke zusammengesucht haben. Wir haben also zuerst die Produktionen ausgewählt und dann hat sich nach und nach so ein Thema ergeben, das bei allen Produktionen eine Rolle spielt. Das ist der Einzelne gegenüber der Gesellschaft, sowohl bei „Urfaust“, als auch bei „Frankenstein“ zum Beispiel. Das Verhältnis zwischen Kreatur und Schöpfer. Sei es beim Menschen seine Beziehung zu Gott, bei „Frankenstein“ der Wissenschaftler und sein Geschöpf oder bei „Betaville“ die Androiden und der Konstrukteur. Wenn die Schöpfung sich dann wehrt, wird sie bestialisch. Bei vielen Stücken sind Melancholie und Sentimentalität auch ein Thema, ebenso wie Pathetik und Selbstinszenierung. Es war dann eben auch nicht so, dass wir geguckt haben, was denn in allen Stücken drin steckt. Das ist jetzt auch eher assoziativ zu verstehen. „Weine, weine, Bestie Mensch“ klingt einfach auch. Wenn wir jetzt nichts gefunden hätten, was uns allen gemeinsam gefällt, dann hätten wir auch kein Spielzeitmotto. Es kann auch sein, dass wir nächstes Jahr keins haben.
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Von Dirk Hertrampf Foto: Katharina Schmidt Stille. Ein Gut, dessen Angebot um zwei Uhr morgens fast überall seine Nachfrage übersteigt. Doch wenn die Akrützelredaktion von Sonntagnacht (oder – für die Spitzfindigen – Montagmorgen) einem Bienenkorb während eines Hornissenangriffs gleicht, dann ist eine ruhige Ecke selbst mit Gold nicht aufzuwiegen. Zum Glück gibt es eine Treppe tiefer den großen UHG-Innenhof. Tagsüber oft nur knapp hinter dem Times Square, was den Grad der Geschäftigkeit angeht, herrscht hier nach Sonnenuntergang beinahe der absolute akustische Nullpunkt. Außerdem bietet der Innenhof Erholung von Redakteuren, die ihren Artikel unbedingt noch einmal gegengelesen haben wollen. Oder Lektoren, die mit einem den Text nochmal durchgehen wollen, weil „da in der dritten Zeile immer noch ein Komma fehlt“. Oder der Chefredakteurin, die jeden, der an ihrem Büro vorbeikommt und nicht vollauf beschäftigt aussieht, mit zeitraubenden Klein- und Kleinstaufgaben betraut. Hier noch das Layout des Veranstaltungskalenders überarbeiten, dort nochmal das Inhaltsverzeichnis basteln, sich eine Bildunterschrift einfallen lassen, und irgendjemand müsste auch mal wieder aufwaschen (oder – erneut für die Spitzfindigen – abwaschen), weil alle Becher bereits Kaffeeränder haben. Das Akrützel ist ein Baumarkt: Es gibt immer was zu tun. So malerisch und postkartenidyllesk der Hof wirkt, solange er von dekorativen Häuflein aus Studenten besiedelt ist, so gespenstisch und geheimnisvoll ist er, wenn selbst der Pförtner nach Hause gegangen ist. Diese Mischung aus vertraut und fremd macht einen großen Teil seiner Faszination aus und lässt einige so schnell ihre Zigaretten aufrauchen, dass der Rest der Nacht mit Magenschmerzen bewältigt werden muss. Diese scheinbar aus der Zeit gefallenen Nachtschichten gehören zum Leben des Akrützels. Sie lassen die Redakteure jedes anstehende Uni-Referat, jeden Zwist in der Partnerschaft oder den dringend nötigen WG-Großputz wenigstens für ein paar Stunden vergessen. Alles wird durch das ständige Pulsieren von Gedanken über Hurenkinder, Bleiwüsten und Schusterjungen verdrängt. Das Akrützel ist ein Mantel-und-Degen-Film: Eine für alle und alle für eine (gute Ausgabe). Das UHG dabei zu nachtschlafender Stunde zu erleben, ist quasi nur der Bonus. Solange innerhalb der Redaktionsräume gearbeitet wird, könnte alles auch in Bangladesch oder auf dem Eyjafjallajökull stattfinden, spannend wird es erst, wenn die Übermüdung einen nach Hause treibt. Das Akrützel ist eine Pilgerreise: Ich bin dann mal weg. Vielen Erstsemestern mag das UHG vorkommen wie die Zauberschule Hogwarts; verwinkelt, voller Erker, Treppen und Türen, die man nie dort erwartet hätte. Immer, wenn man glaubt, halbwegs zu wissen, wo man hin muss, ist da ein neuer Aufgang in eine ganz neue Etage und man kann nur hoffen, dass es nicht gerade jene ist, die von dreiköpfigen Riesenhunden oder seelenaussaugenden Geistern bewacht wird. Richtig gruselig wirds aber erst, wenn bestimmte Türen durch das Sicherheitssystem verschlossen sind. Dann bleiben nur zwei Wege zur einzig offenen Ausgangstür: Zum einen der lange durchs Erdgeschoss. Erst über den Innenhof mit seiner Umrankung aus Weinreben, die nach Mitternacht zum Leben erwachen und Unvorsichtige mit Haut und Haaren verschlingen, vorbei am Aufzug, dessen pneumatisches Pfeifen klingt wie das Röcheln tödlich Verwundeter. Dann durch einen unbeleuchteten Gang tappen und dabei dem eigenem Atem lauschen. Ja nicht die Treppenstufen zur Vorhalle der Aula übersehen! Zum anderen der kurze, direkt von der Redaktionstür rauf bis fast unters Dach – nicht die Fledermäuse aufschrecken! – und dann durch die Altertumswissenschaft, beliebt aufgrund der vielen Büsten, die dort im Halbdunkel besonders schaurig zur Geltung kommen. Kurz vor der Treppe ins Erdgeschoss wird zum Glück ein Prachtdolch in einer Vitrine ausgestellt, welche zur Selbstverteidigung leicht aufgebrochen werden kann. Nur für den Fall der Fälle. Da wirkt eine kurze Pause im Innenhof (außer Reichweite der Weinreben) und anschließendes Durcharbeiten bis zum Morgengrauen in der gelichteten Redaktion direkt anheimelnd. Das Akrützel ist ein Horrorfilm: Ich bin gleich wieder da. Bleibt nur noch, in Anbetracht dieser 300. Ausgabe der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass das Akrützel auch ein Michael-Ende-Roman sein wird: Eine unendliche Geschichte. Foto: Katharina Schmidt
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Wie der Philosoph auch ohne körperliche Reize die Frauen anzog Das Gespräch führte Maria Hoffmann Peter Knopp ist Mitgründer und Vizepräsident der Sartre-Gesellschaft. Eigentlich ist er Mathematiker, aber seit 40 Jahren beschäftigt er sich intensiv mit dem Philosophen und Literaten. Die polyamoren Neigungen Sartres werden immer wieder in Berichten thematisiert. Mit Akrützel sprach Knopp über Sartres Liebesleben, dessen „Gefummel“ und das fehlende Verantwortungsbewusstsein gegenüber Simone de Beauvoir und seinen Geliebten. Foto: Privat Wenn Sie Sartres Persönlichkeit betrachten, können Sie bestätigen, dass er polyamore Neigungen hatte? Ja, aber man muss natürlich erklären, woher das kommt. Sartre war äußerlich gesehen nicht sehr attraktiv. Er war klein, er schielte, er war hässlich. Wie ein kleines Wurzelmännchen sah er aus. Als seine Mutter sich wieder verheiratete, hat der Stiefvater ihm mal gesagt: „So wie du aussiehst, wirst du nie eine Frau bekommen.“ Da war er zwölf. Das war für ihn ein Trauma. Er hat nun alles versucht – energisch, klug und intelligent wie er war. Er wollte dieses Urteil abwerfen und Frauen erobern. Wenn er sie dann erobert hatte, hat er sie nicht beiseite geschoben, sondern auch das getan, was man eben so tut. Aber das war für ihn nicht der Hauptpunkt. Das war kein Trieb, sondern der Wunsch eine Frau, trotz seiner Hässlichkeit, für sich zu gewinnen. Sartre hat versucht, seine Hässlichkeit zum Verschwinden zu bringen: durch Intelligenz, Charme und Warmherzigkeit. Wie hat sich die Beziehung zu Simone de Beauvoir dargestellt? Darüber hat Sartre sich sehr offen geäußert, auch im Gespräch mit de Beauvoir. Sie haben sich am Ende ihres Studiums kennengelernt und sind ein Leben lang zusammengeblieben. Die erotische Beziehung hat aber gar nicht von langer Dauer. De Beauvoir hat auch gesagt, Sartre wäre kein großer Liebhaber gewesen und er selbst sagte, es wäre nicht so seine Sache. Sie würden aber nicht sagen, dass er eine asexuelle Orientierung hatte? Nein, das wäre vollkommen falsch. Aber er war eben, wenn ich das ein bisschen vulgär sagen darf, mehr so ein „Fummler“. Er hat dann immer von „streicheln“ gesprochen. Es war nicht so, dass seine vielen Geliebten, nachdem er sie abgelegt hatte, aus seinem Gesichtskreis verschwunden waren. Als Freunde hat er sie behalten, auch wenn sie nicht mehr im strengen Sinne seine Geliebten waren. Ging das denn gut? Ja, das ging meistens ganz gut. Wenn es problematisch war, sind sich diese jungen Frauen einfach aus dem Weg gegangen. Sartre hatte manchmal einen richtigen Zeitplan. Er hatte Zeit, aber auch ein umfangreiches Werk, das erstmal geschrieben werden musste. Am Vormittag hat er dies und das gemacht und für die verschiedenen Geliebten so seine Zeit gehabt. Das musste gar nicht immer erotisch sein. Es konnte sein, dass er mit ihnen einfach essen gegangen ist oder zum Frühstück ins Cafe. Sie haben sich dort eine Stunde unterhalten, gefrühstückt und dann ging jeder wieder an seine Arbeit. Aber Simone de Beauvoir war parallel immer da? Ja, genau. Das war natürlich über diese sehr lange Zeit eine mentale, geistige Beziehung. Denn de Beauvoir kannte Sartres Werk vorwärts und rückwärts. Daraus entstanden wirklich konstruktive Gespräche mit ihr. Sie gehörte natürlich zu Sartre. Stimmt es, dass sie seine Geliebten einfach gebilligt hat? Dass sie es natürlich wusste und eben damit gelebt hat? Sie hat manches auch ein bisschen lanciert und hatte genauso ihre Beziehungen. Simone de Beauvoir war ja bisexuell. Sartre wusste natürlich von ihren Frauen- und Männerbeziehungen. Gab es bestimmte Vereinbarungen, die die beiden getroffen haben? So untereinander haben sie das eben einfach gemacht. Aber natürlich hat es Simone de Beauvoir manchmal weh getan. Das ist eben das Problem, bei solchen multierotischen Beziehungen, dass da nichts ohne Schmerzen abgeht. Damals war das auch nochmal ganz was anderes. Die Frauen waren noch gar nicht so emanzipiert wie Simone de Beauvoir. Wie hat denn das Umfeld darauf reagiert? In Frankreich war es so, dass die Intellektuellen oft viele Beziehungen hatten, aber das haben sie unter sich gemacht. Es kam nicht groß an die Öffentlichkeit. Aber Sartre und de Beauvoir haben ihr Privatleben zum großen Teil sehr öffentlich gelebt. Was Simone de Beauvoir in ihrem großen Werk „Das andere Geschlecht“ geschrieben hat, rief unter den französischen Intellektuellen ziemliche Empörung hervor. Dass man so offen darüber schrieb, dass die Frau auch so frei ist wie der Mann und machen kann, wonach es ihr gelüstet, davon waren sogar Leute wie Albert Camus beleidigt. Sowas war ein wirklicher Skandal. Das ist nicht wie die aktuelle Aufregung um Charlotte Roche zum Beispiel. Man kann das nicht vergleichen. Heute gibt es in diesem Sinne ja kaum noch Tabus. Aber damals war das völlig anders. Frankreich gilt zwar immer als das Land der Liebe, aber es bestanden dort dennoch sehr strenge bürgerliche Normen. Taucht diese polyamore Lebensweise in Sartres Schaffen auf? Solche Dinge finden Sie hauptsächlich in Romanen, zum Beispiel in „Die Wege der Freiheit“ oder dem ersten Band von „Zeit der Reife“. Sartre hat auch immer versucht, diese Freiheit in Beziehungen zu leben. Aber je älter er wurde, desto mehr hat er diese gesellschaftliche Last, diese Normen gespürt. Er hat diese Widerstände immer stärker in sein Werk einbezogen. Die Verantwortung anderen Menschen gegenüber, besonders Frauen, die mit Sartres Freiheitsphilosophie einhergeht, spielt aber eine große Rolle. Allerdings war das Sartres schwache Seite. Da gibt es viele negative Beispiele, was de Beauvoir und auch andere sehr geschmerzt hat. Ich weiß nicht, ob ihn das gekümmert hat, er hat jedenfalls sein Verhalten nie geändert – bis ins hohe Alter. Aus seinem letzten Lebensjahr gibt es diesen berühmten Verehrungsbrief von Françoise Sagan. Sie haben sich öfter getroffen. Sartre war schon fast blind, als sie zusammen ausgegangen sind und sie hat ihm das Essen geschnitten. Sie haben sich unterhalten und Sartre war selig. Das hat auch nichts vordergründig Erotisches: Es war einfach Faszination durch diesen behänden und intelligenten Geist. Hat er sich nicht klar geäußert, er würde diese oder jene Frau lieben? Es waren eben seine Freundinnen oder sowas. Gerade im Alter ist das dann schwer zu sagen. Ich glaube, das war dann wieder eher dieses „Gestreichel“. Er hat sich über gute Gespräche gefreut und wenn man sich um ihn gekümmert hat.
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Ein Gespräch über zivilen Ungehorsam Das Gespräch führte Johanne Bischoff Christoph Ellinghaus arbeitet als Gewerkschaftssekretär für die IG Metall und hat in den letzten zwei Jahren für das Aktionsnetzwerk gegen Rechts die Proteste in Dresden mitorganisiert. Mit Akrützel sprach er über Dresden, Repressionen durch die sächsische Politik und zivilen Ungehorsam. Foto: Privat Warum wird in Dresden demonstriert und was ist das Besondere an diesem Ort? Weil Nazis in Dresden weitestgehend ungestört seit mehr als zehn Jahren um den 13./14. Februar demonstrieren, ist die Stadt zum Kulminationspunkt von Naziprotesten und zivilen Ungehorsam geworden. Anlass ist die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten. Anders als in allen anderen Städten der BRD ist das Thema nie aufgearbeitet worden und es wurde nie klargestellt, dass das ganze eine Ursache hat, dass der Krieg von Deutschland ausging und mit der Bombardierung eben zurückkam. Diese Bombardierung wurde in der lokalen Geschichtsschreibung exkludiert. Keine Stadt im Nationalsozialismus war unschuldig. Kannst du „zivilen Ungehorsam“ noch einmal spezifizieren? Ziviler Ungehorsam hat eine lange Tradition. Mahatma Gandhi und Martin LutherKing haben ihn in Indien und in der USamerikanischen Bürgerrechtsbewegung genutzt. Er bedeutet, sich nicht von staatlichen Ge- und Verboten der Autoritäten beeindrucken zu lassen, sondern ganz bewusst einen kollektiven Regelverstoß zu begehen. Natürlich kann dann eine strafrechtliche Verfolgung drohen. Deshalb sollte man sich nicht als Opfer staatlicher Maßnahmen gerieren, denn das, was man da gemacht hat, war ein bewusster Verstoß gegen geltendes Recht. Was diesem geltenden Recht entgegengesetzt wird, ist eben die Legitimität des Handelns. Es ist nicht legal, aber legitim. Es ist richtig, sich auf die Straße gegen Nazis zu setzen – auch wenn deren Demonstration legal ist. Damit ist die Blockade wahrscheinlich nicht legal, aber legitim und geboten. Dieser massenhafte zivile Ungehorsam bedarf vieler Voraussetzungen. Das heißt: Da müssen sich viele politische Gruppen, die sonst in ihrem Alltag nichts miteinander zu tun haben, auf eine Menge Absprachen einigen. Ist diese Art des Protests ein Problem für die Behörden? Mit einer brennenden Mülltonne können die umgehen, das lösen die polizeilich. Mit Bratwurstfesten gegen Recht s weit ab von der Nazidemo haben die auch kein Problem. Aber wenn sich ein breites politisches Spektrum auf den zivilen Ungehorsam einigt, ihn vorbereitet und durchführt, wird es für die echt schwierig. Die Behörden hatten das erklärte Ziel, den Naziaufmarsch durchzusetzen. Das Zusammenspiel beim zivilen Ungehorsam ist etwas, das konservativen Politikern und den Ermittlungsbehörden schlaflose Nächte bereitet. Es kann zum Vorbild werden. Darum wird mit großer Vehemenz und über den rechtlich gegebenen Rahmen hinaus verfolgt. Was sind die Folgen der Proteste, vor allem im Bezug auf die sächsische Justiz? Es gibt zwei Folgen: Da ist zum einen, dass es in viel mehr Orten in der Bundesrepublik zivilen Ungehorsam gibt. In vielen Städten sind die Menschen nicht mehr bereit, in der Ecke zu bleiben, wo ihnen eine Spielwiese des bürgerlichen Protestes zugewiesen wird. Die Folgen der behördlichen Verfolgung sehen so aus, dass es 200 Strafverfahren rund um „Dresden“ gegeben hat. Gegen Leute, die auf der Straße gesessen haben und gegen die, denen vorgeworfen wird, weitere Straftaten an diesem Tag begangen zu haben. In Folge der Ermittlungen gab es Hausdurchsuchungen in Stuttgart, Jena, Leipzig und Dresden. Es sind Versuche, die Leute davon abzubringen, im nächsten Jahr wieder nach Dresden zu fahren, und ein Zeichen zu setzen, dass man beim Ausüben von zivilem Ungehorsam mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen muss. Wie sollten Betroffene mit Repressionen umgehen? Ich glaube, dass es richtig ist, dass wir diese Last auf vielen Schultern verteilen. Wenn jemand einen Prozess wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz hat, ist es notwendig, dass er zum Prozess begleitet wird. Die Prozesse sind ja nur die Fortsetzung des Versuchs, die Nazis laufen zu lassen. Das Ziel der Behörden ist es ja, den Nazis 2012 eine freie Demonstrationsstrecke zu schaffen. Kann es sein, dass sich jetzt das Feindbild verschiebt – also von den Nazis auf die Behörden? Das glaube ich nicht. Wir wussten, dass, wenn wir zu den Blockadepunkten gehen, sich die Polizei dazwischen stellt. Die Staatsanwaltschaft, die Polizei und die Landesregierung treffen aber eine Entscheidung, anders als in anderen Bundesländern, nämlich zu sagen, dass sie diesen Ungehorsam zum Hauptproblem machen. Wir müssen fragen, was der Hintergrund dafür ist, dass sie so viel dafür tun, die Nazis laufen zu lassen. Ist das Verhalten der sächsischen Politik nicht das eines Gorillas, der sich hinstellt und dabei auf seine Brust trommelt? Die sächsische Polizei hat im Vorfeld des Februars in diesem Jahr erklärt, dass sie dieses ganze Problem des Bündnisses Dresden Nazifrei im Griff hat. Und sie haben klargestellt, dass sie diesen Naziaufmarsch Aufgewühlt mit allen Mitteln durchsetzen werden. Dresden Nazifrei und die vielen, die sich angeschlossen haben, haben ihnen gezeigt, dass sie gar nichts im Griff haben. Der erklärte Wille der Menschen war es, diesen Aufmarsch zu verhindern und sich auch von martialischer Gewalt nicht abschrecken zu lassen. Für ein autoritäres Staatsverständnis, wie es in Sachsen vorherrscht, ist es das schlimmste, was überhaupt passieren kann. Welche Aussage soll der Gegenprotest vermitteln? An die Stadt: „Ihr dürft es nicht erlauben!“ oder an die Nazis: „Kommt nicht mehr her!“? Ich finde, das Ziel sollte nicht sein, Verbote zu fordern. Was wir in den Vordergrund rücken ist eine Gesellschaft, die es Nazis unmöglich macht, eine menschenverachtende Propaganda auf die Straße zu bringen. Der Apparat soll das dann akzeptieren. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, dass man konsequent wegschaut und die Nazis mit Nichtbeachtung straft. Im Wesentlichen haben Aufmärsche für Nazis zwei Funktionen: Zum einen ist das ein Sozialisierungs- und Politisierungsraum für die eigenen Leute. Also ein Initiationsritual. Diese Dynamik funktioniert völlig unabhängig, ob Menschen am Rand stehen und klatschen oder es vollkommen ignorieren. Die zweite Seite ist, dass sich Nazis als die Vollstrecker einer unausgesprochenen Mehrheitsmeinung sehen. Wenn man sie ignoriert, bestätigt das ihren Eindruck. Ein polizeilich durchgesetztes Verbot würde zwar den Aufmarsch an sich verhindern und damit das erste Motiv unterbinden. Aber nur wenn der Aufmarsch durch massiven bürgerlichen Widerstand verhindert wird, wird klar, dass ihr zweiter Motivationspunkt nicht stimmt. Was ist deine Prognose für Dresden 2012? Ich würde davon ausgehen, dass der Apparat in Sachsen alles daran setzen wird, die Strukturen, die Dresden Nazifrei organisiert haben, zu durchleuchten. Zu all den technischen Details, die bekannt geworden sind, werden vielleicht noch einige dazu kommen. Ich bin gespannt, ob sich auch Sachsen zu den Trojanern bekennen wird. Am Aktionstag werden sie versuchen alle Koordinierungsbestrebungen zu unterbinden. Wir werden nicht einfach das Prinzip der letzten zwei Jahre wiederholen können. Es muss neue Organisationsformen und Strukturen geben, und es braucht außerdem die gleiche Entschlossenheit, sich von martialischen Gesten nicht abschrecken zu lassen.
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Razzia bei Jenas Stadtjugendpfarrer Von Johanne Bischoff Der blaue Lauti der JG wurde beschlagnahmt und nach Dresden transportiert Foto: Haskala „Es begann mit einem Anruf früh um sechs von meinem Vater aus seinem Wanderurlaub“, erinnert sich Katharina König. „Er hat mir mitgeteilt, dass die sächsische Polizei bei ihm eine Hausdurchsuchung durchführen wird und er hat mich gebeten, als Zeugin für ihn daran teilzunehmen.“ Sie spricht vom Morgen des 10. August 2011, dem Tag an dem die Wohnung ihres Vaters, dem Stadtjugendpfarrer Lothar König, von der sächsischen Polizei durchsucht wurde. Die Vorwürfe seien beim Eintreffen der Polizei noch nicht ganz klar gewesen. Am Mittag stellte sich heraus, dass ihrem Vater aufwieglerischer Landfriedensbruch vorgeworfen wird. Lothar König soll bei den Blockaden des Dresdener Naziaufmarsches im Februar 2011 zu Gewalt aufgerufen haben. Als die Polizei die Wohnung verlässt, nimmt sie einen Computer, ein Mobiltelefon und unzählige Akten und Datenträger mit. Außerdem wird der Lautsprecherwagen der Jungen Gemeinde (JG) nach Dresden überführt und eine Sankt-Pauli-Fahne beschlagnahmt. Insgesamt haben 34 Polizisten an der Durchsuchung teilgenommen. Katharina König erzählt, dass sie erst daran gehindert wurde an der Durchsuchung teilzunehmen. Auf Nachfrage habe der Einsatzleiter ihr mitgeteilt, dass ein unabhängiger Zeuge dabei sei. Laut König habe sich hinterher herausgestellt, dass er Referent der sächsischen Staatsanwaltschaft sei. „Inwieweit das unabhängig sein soll, kann ich nicht genau sagen“, wirft sie ein und lacht. Ende August hat die sächsische SPDLandtagsabgeordnete Sabine Friedel eine kleine Anfrage gestellt, weil unklar war, wann die Thüringer Behörden auf welchem Informationsstand waren. In der Antwort erklärt das sächsische Innenministerium, dass die Polizeidirektion Jena in einem Arbeitstreffen Anfang August – also Tage vor der Razzia – über den Stand der Ermittlungen gegen Pfarrer König informiert worden sei. Welche Ermittlungsmaßnahmen folgen würden, sei aber nicht besprochen worden. Am Tag der Durchsuchung habe man 45 Minuten vor Einsatzbeginn die Jenaer Polizeidirektion über eine Hausdurchsuchung informiert. Dabei wurde nicht kommuniziert, wessen Wohnung ins Visier genommen werde, so das Innenministerium Sachsen. Dem widerspricht Steffi Kopp, Pressesprecherin der Polizeidirektion Jena. Sie erklärt, dass die hiesigen Behörden erst mit Beginn der Aktion über diese informiert worden seien: „Das ist nicht unbedingt üblich. Die Zuständigkeiten stimmen aber, denn der Tatort befand sich ja in Dresden.“ Neben der Fragwürdigkeit der Informationspolitik der sächsischen Behörden steht vor allem ein Vorwurf im Zentrum: die Durchsuchung von Königs Dienstzimmer. Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland Ilse Junkermann kritisierte einen Tag nach der Durchsuchung in einer Pressemittelung das Vorgehen der sächsischen Behörden: „Die Durchsuchung des Dienstzimmers von Stadtjugendpfarrer König und die Beschlagnahmung von Datenträgern, die dienstliche und damit auch seelsorgerische Belange betreffen können, ist skandalös.“ Wie Anwälte und Ärzte unterliegen auch Pfarrer in ihrer Tätigkeit einer Schweigepflicht. „Es ist zentral für die Arbeit unserer Pfarrer, dass sich ihnen die Gläubigen und auch andere Menschen anvertrauen können, ohne die staatliche Kenntnisnahme befürchten zu müssen.“ Für Lothar König sind die nächsten Wochen entscheidend. „Eines der Verfahren – das wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung – ist im September eingestellt worden, aber nicht aus Mangel an Beweisen, sondern weil sich die Behörden wohl eine höhere Strafe im Verfahren wegen aufwieglerischem Landfriedensbruch erhoffen“, vermutet Katharina König. Das bedeutet, dass das Erstere immer wieder aufgenommen werden kann. „Die Akten werden gerade von unseren Anwälten gesichtet. Außerdem sammeln sie Beweise, die belegen, dass mein Vater keinen aufwieglerischen Landfriedensbruch begangen hat. Mittlerweile sind da auch einige Beweise eingetroffen, die nach unserer Vermutung alle Vorwürfe entkräften.“
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Thüringer Flüchtlinge protestieren gegen gesetzliche Schikanen Von Kay Abendroth Foto: Marco Fieber Haben es Flüchtlinge erst einmal über die europäische Außengrenze geschafft, heißt es für diejenigen, die nicht sofort wieder abgeschoben werden: warten. Manchmal jahrelang. Während das Asylverfahren läuft, führen sie in der Regel alles andere als ein normales Leben. Sammelunterkünfte, Residenzpflicht und Gutscheine als Zahlungsmittel verhindern in Thüringen nicht nur eine Integration, sondern grenzen Flüchtlinge vielmehr aus der Gesellschaft aus. Zurzeit leben nach Angaben des Innenministeriums 2.965 Flüchtlinge in Thüringen. Davon sind mehr als die Hälfte in Sammelunterkünften untergebracht. Diese Art der Unterbringung stand schon mehrfach in der Kritik: „Die Lager haben die Funktion Flüchtlinge von der Gesellschaft zu isolieren und politische Selbstorganisation zu verhindern“, meint Clemens Wigger. Er studiert in Jena und gehört zum Unterstützerkreis von The Voice, einer Organisation, die sich seit Jahren für Asylsuchende engagiert. Mit diesen „Isolationslagern“ – wie sie von The Voice genannt werden – solle eben auch die Abwicklung des Asylverfahrens und der Abschiebung möglichst reibungslos verlaufen, so Clemens. Deshalb befänden sich die Lager auch zum großen Teil abgelegen, in kleinen Dörfern, im Wald oder in nahezu unbewohnten Gegenden. Eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wird so deutlich erschwert. Dabei seien Sammelunterkünfte keineswegs gesetzlich vorgeschrieben. Besonders aus finanziellen Gründen würden Flüchtlinge „so billig wie möglich“ untergebracht. Keine Bewegungsfreiheit Miloud Lahmar Chérif und seine Frau kamen beide als Asylsuchende nach Deutschland. Heute leben sie in einer Sammelunterkunft in einem Industriegebiet von Zella-Mehlis. Einmal wurde Miloud erwischt, als er die Residenzpflicht missachtete, ein Gesetz, das andere Bundesländer schon lange aufgegeben haben. Bevor diese im letzten Jahr etwas gelockert wurde, durften Flüchtlinge sich nur in dem Landkreis bewegen, dem sie zugeteilt worden waren. Mit der Änderung kamen vier Nachbarlandkreise und zwei kreisfreie Städte hinzu. Dennoch ist auch die neue Regelung von einer tatsächlichen Bewegungsfreiheit weit entfernt, besonders weil Ausnahmen nur sehr selten genehmigt werden. Stephan Hövelmans, der Pressesprecher des Thüringer Innenministeriums, bezeichnet die neue Regelung dagegen als „ausgewogenen Kompromiss“, der die Interessen aller Beteiligten berücksichtige: Das Anliegen des Gesetzgebers sei es vor allem, die Erreichbarkeit der Asylsuchenden während des Verfahrens zu gewährleisten. Deshalb sei die Residenzpflicht notwendig. Flüchtlingsinitiativen wie The Voice sehen in der Regelung vielmehr ein Instrument der Isolation. Miloud sollte 65 Euro Strafe zahlen – weil er von Meiningen nach Erfurt gefahren war. „Ich habe mich geweigert, die Geldstrafe zu begleichen und dieses Unrecht damit anzuerkennen“, sagt er. Ihm wurde daraufhin mit einer Gefängnisstrafe gedroht, doch er weigert sich weiterhin. „Meine Freiheit ist nicht käuflich“, erklärt er selbstbewusst. Ein solches Auftreten in der Öffentlichkeit ist untypisch. „Flüchtlinge haben schon Angst, den Hausmeister in ihrem Lager zu kritisieren“, erzählt Clemens. „Außerdem haben sie Angst vor Konflikten mit der Ausländerbehörde, Angst mit Medienvertretern zu sprechen, Angst mit uns zu sprechen – teilweise.“ Es herrsche einfach eine diffuse Furcht vor allen möglichen Kontakten zur Öffentlichkeit. Den Grund dafür sieht Clemens unter anderem im „riesigen Spielraum für Schikanen und Machtwillkür“, den das Asylbewerberleistungsgesetz den Behörden biete und wovon auch reger Gebrauch gemacht werde. „In manchen Lagern werden Flüchtlinge und Aktivisten auch gegeneinander ausgespielt“, sagt Clemens. So ist es im letzten Jahr in Gerstungen wenige Tage nach einer Aktion mit The Voice, bei der auch Journalisten anwesend waren, zu einer Abschiebung gekommen. Der Betroffene war mit drei anderen Flüchtlingen auf einem Pressefoto zu sehen gewesen. „Beim nächsten Besuch im Lager haben die Flüchtlinge uns dann vorgeworfen, wir hätten durch die Aktion diese Abschiebung zu verantworten“, erzählt Clemens. Die einzige Strategie sei es, langfristig mit den Asylsuchenden zusammenzuarbeiten. „Ich möchte nicht nur den Staat und die Behörden verantwortlich machen“, sagt Miloud, „auch wenn durch die Machtverhältnisse Staat und Behörden ganz klar einen großen Teil der Verantwortung tragen.“ Er sieht zudem die Flüchtlinge in der Pflicht. „Sie könnten aktiver sein, mehr tun, um auf ihre Situation und die Missstände aufmerksam zu machen.“ Ihnen würde nicht zu viel abverlangt, meint Miloud. „Sie müssten nur hin und wieder mit einem Journalisten reden – mit irgendjemandem.“ Protest in Erfurt Für den 22. Oktober ruft das Netzwerk „Break Isolation“ dazu auf, in Erfurt für die Schließung der Flüchtlingsheime und eine Abschaffung der Residenzpflicht zu demonstrieren. „Break Isolation“ ist eine Zusammenschluss von Einzelaktivisten und verschiedenen Gruppen, darunter auch The Voice. Hauptanliegen des Netzwerkes ist es, die Selbstorganisation der Flüchtlinge zu unterstützen und so gegen die Ungleichbehandlung vorzugehen. „Von vielen Stellen, seien es Medien, Politik oder zivilgesellschaftliche Gruppen, wird nicht wahrgenommen, dass Flüchtlinge eine eigene Position haben und sich selbst organisieren“, meint Clemens, „das wollen wir ändern.“
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Ein paar Gedanken über das Schweigen Von Philipp Böhm Fern ab von der Möglichkeit am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, leben Flüchtlinge in Zella-Mehlis in einem Industriegebiet. Foto: Googlemaps Schweigen ermöglicht vieles: In Zeiten der medialen Dauerbeschallung nahezu sämtlicher Lebensbereiche, des audiovisuellen Overkills an sieben Tagen pro Woche, können Momente der Stille, die wenigen Sekunden, wenn gerade niemand spricht, ein wahrer Segen sein. Der Wunsch, die Tischnachbarn in der Mensa oder in der Vorlesung würden doch bitte ob des himmelsschreienden Unfugs, den sie da von sich geben, endlich mal die Schnauze halten, kann im Studienalltag ein oft gedachter sein. Doch es gibt Bereiche des alltäglichen Lebens, in denen lange andauerndes Schweigen ganz andere Konsequenzen hat: Es ermöglicht, dass Menschen gezwungen werden, in abgeschiedenen Lagern zu leben, isoliert und vereinzelt; dass Flüchtlinge, die aufgrund von Krieg, Verfolgung und fehlender Existenzgrundlage in ihren Heimatländern nach Deutschland kamen, systematisch ausgegrenzt und diskriminiert werden. Es ist ein Schweigen, das sich über einen weiten Bereich erstreckt: Von der Ausländerbehörde über die Landratsämter bis zu den Menschen, die nur wenige Kilometer von Flüchtlingslagern entfernt wohnen und trotzdem den Mund halten. Dieses kollektive Schweigen hat nichts Positives an sich: Es bildet die Basis von Schikanen – in den Behörden, in den Flüchtlingslagern, selbst beim Einkauf im Supermarkt, wo die Betroffenen gezwungen sind, mit Gutscheinen statt mit Bargeld zu bezahlen. Und am Ende von jahrelangen Asylverfahren, von jahrelanger Isolation, ermöglicht dasselbe Schweigen eine reibungslose Abschiebung. Die alltägliche unmenschliche Behandlung von Flüchtlingen, nicht nur in Thüringen, ist vor allem deshalb möglich, weil so wenig darüber in die Öffentlichkeit sickert. Nur wenige Menschen wissen, wo sich die Flüchtlingslager befinden: Gerstungen, Zella-Mehlis, Breitenworbis, und wie sie alle heißen. Noch weniger waren einmal da und haben sich selbst einen Eindruck verschafft. Das Schweigen reicht bis in die Parlamente, wo Anträge zur Abschaffung der Residenzpflicht regelmäßig abgelehnt werden – das Äußerste war eine leichte Lockerung des Gesetzes in diesem Jahr. Aus diesen Gründen ist es so wichtig, auf die Straße zu gehen, sich zu empören und wütend zu werden. Nicht um aus einer privilegierten Position heraus diejenigen ohne Privilegien zu bemitleiden und für sie zu sprechen, sondern um nicht länger ein Teil des großen schweigenden Blocks zu sein, das Schweigen zu durchbrechen und den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Forderungen zu äußern, die sonst ignoriert werden.